Das evolutionäre Prinzip

02.09.2020

Das zweite her­me­ti­sche Prinzip, das Prinzip der Ent­spre­chung, besagt, dass etwas, das auf einer Ebene existiert, auf jeder Ebene exis­tie­ren muss. In meinem nächsten Post gehe ich ge­ne­rel­ler darauf ein, hier aber will ich nur eine Sache be­trach­ten, die sich auf allen Ebenen in der Welt äußert: Evolution.

Spricht man von "die Evolution" meint man meistens die Evo­lu­ti­ons­theo­rie des Lebens auf der Erde. Evolution ist aber an sich auch ein all­ge­mei­ner Begriff und wird mitunter synonym für Ent­wick­lung benutzt. Nicht nur haben sich Lebewesen erd­ge­schicht­lich verändert und adaptiert, sondern auch ein einzelnes Lebewesen geht eine Evolution durch von der Geburt bis zum Tod. Auch in Bezug auf Technik – z.B. die Evolution des Autos – ist sie ein gern ge­brauch­ter Begriff. Und selbst unsere Fä­hig­kei­ten sind diesem Prinzip un­ter­wor­fen: wir fangen an als komplette Anfänger und ent­wi­ckeln uns zu Experten. Es ist das Einfache zum Komplexen, das Wenige zum Vielen.

Evolution des Staates

Politik und Religion sind eine dieser Bereiche, bei denen dieser Begriff kaum an­ge­wen­det wird. Zwar sieht man ein, dass sich Glauben und Staaten im Laufe der Ge­schich­te verändern, aber es wird sich im Detail verloren. Die Ge­gen­über­stel­lung von damals zu heute wird so statisch be­trach­tet, dass man das We­sent­li­che aus den Augen verliert.

Be­trach­tet man einen typisch mit­tel­al­ter­li­chen Staat und einen typischen modernen Staat, dann würde man wohl sagen, dass der we­sent­li­che Un­ter­schied in der Trennung von Religion und Staat liegt. Während Menschen damals ir­gend­wel­che gött­li­chen Regeln auf­ok­troy­iert wurden, leben sie jetzt unter Rechts­staat­lich­keit. Während Gesetze damals blind auf ir­gend­wel­chen heiligen Schriften aufgebaut wurden, fußen sie jetzt auf Hu­ma­nis­mus und gesunder Mo­ral­vor­stel­lun­gen. Dies ist jedoch ein Fehl­schluss.

Man muss rea­li­sie­ren, dass es in der Praxis noch nie einen Un­ter­schied gab zwischen Religion und Staat. Wenn jemand damals gegen ein gött­li­ches Gebot verstoßen hat, dann hat die Staats­macht nicht etwa gewartet, bis der Sündige stirbt, sodass Gott ihn im Jenseits bestrafen kann, sondern die Menschen haben die An­ge­le­gen­heit selbst in die Hand genommen. Für jemanden, der beim Klauen erwischt wurde, macht es also keinen Un­ter­schied, ob er in einem säkularen oder einem Got­tes­staat lebt. Einzig die schwere der Strafe wäre maßgebend – aber auch hier sind harte Strafen nicht etwas exklusiv re­li­giö­ses, für viele säkulare Staaten war und ist immer noch Folter ein probates Mittel.
Steht der Sündige vor einem Gericht und lässt sich ein Urteil vorlesen, das auf Gottes Gesetzen fußt, so bricht die Strafe über ihn auf die gleiche Weise herein, wie über einen, der sich sein Urteil in einer modernen Republik anhört. Er kann nichts dagegen tun, ganz gleich, ob es göttliche oder mensch­li­che Regeln sind.

Ir­gend­wel­che scharfen Tren­nun­gen zwischen diesen Be­griff­lich­kei­ten oder theo­lo­gi­sche und po­li­ti­sche Be­trach­tun­gen davon sind immer eine Sache der Theorie. Sie haben auf dem Papier bestand, nirgendwo sonst. In der Realität gilt: Staat ist Gott. Gott ist Staat.

Ein staats­treu­er Bürger ist ein gott­ge­fäl­li­ger Mensch. Immer und überall. Wenn jemand behauptet, er wäre staats­treu, aber nicht religiös, dann ist der Staat seine Religion, ohne dass er es merkt. Religion nur als eine tran­szen­den­te Ideologie zu be­trach­ten, be­schränkt lediglich den Begriff. Denn der tran­szen­den­te Teil ist optional und viele Re­li­gio­nen, die mehr zum Phi­lo­so­phi­schen neigen, haben ihn auch gar nicht. Die wich­tigs­ten Bausteine einer Religion sind gewisse Mo­ral­vor­stel­lun­gen in Form von Geboten und Verboten und im Idealfall ein System zur Durch­set­zung dieser. Dieses System ist der Staat, der in der Rolle des Gottes agiert. Das ist auch der Grund, warum der Papst, der damals der Oberhaupt des Staates war, den Titel des Stell­ver­tre­ter Gottes auf Erden hatte.

Selbst­ver­ständ­lich war das Über­na­tür­li­che damals fast schon zwangs­läu­fig Be­stand­teil von Re­li­gio­nen. Man darf aber nicht dem Fehl­schluss erliegen, dass es nicht Religion ohne über­na­tür­li­che Er­klä­run­gen geben kann. Denn was damals ein not­wen­di­ges Mittel war, um Phänomene in der Welt zu be­schrei­ben, wurde ersetzt durch Na­tur­wis­sen­schaf­ten. Das ist sogesehen die Evolution der Tran­szen­denz. Diese Evolution wandelte auch Re­li­gio­nen an sich. Nun konnte man den tran­szen­den­ten Teil von der Religion spalten und das Üb­rig­ge­blie­be­ne nur noch Moral nennen. Zwei ver­schie­de­ne Begriffe, in der Realität ein und dasselbe. Auf dieser Moral baute man dann Staaten auf, die man säkular nennt, die aber im Kern immer noch religiös sind. Die Bibel als Basis von richtig und falsch musste weichen, an ihrer Stelle trat die Ver­fas­sung. Eine neue Religion ward geboren. – Es gibt keinen Staat ohne Religion.

Priester werden zu Po­li­ti­kern

Die heutigen Politiker sind nicht etwa die nächste Evo­lu­ti­ons­stu­fe der damaligen Kaiser und Könige, sondern die der Priester. Das höchste Amt, sei es Kanzler, Präsident oder Pre­mier­mi­nis­ter, ent­spricht dem Amt des Papstes. De­mo­kra­ti­sche Wahlen gleichen mehr den Wahlen von Päpsten, als wie Herrscher früher wirklich an die Macht kamen.

Wenn Herrscher nicht ihren Titel an eines ihrer Kinder wei­ter­ge­ge­ben haben, sodass ihr eigenes Blut weiterhin auf dem Thron bleibt, dann hat nur derjenige die Macht erlangt, der sich als stärker als der vorherige Macht­ha­ber her­aus­ge­stellt hat. Macht wird einem nicht geschenkt, man muss sie sich verdienen. Das ist auch einer der Gründe, warum Sport durch die Ge­schich­te hindurch eine so beliebte At­trak­ti­on ist. Du willst der erste oder beste sein? Dann musst du erst einmal den aktuell ersten oder besten schlagen, um den Titel zu bekommen. Dieses Prinzip ist tief in uns drin, sodass wir intuitiv merken, dass Politik Betrug ist und Politiker Lügner, dafür, dass sie daran teil­neh­men. Es ist ein Schau­spiel. Und der Höhepunkt des Ganzen ist, dass einige Länder die Zahl der Amts­zei­ten auch noch be­schrän­ken. Sodass auch dem al­ler­letz­ten ins Gesicht springt, dass es nur ein einfacher Job ist wie jeder andere auch und es sich nicht um wirkliche Macht handelt. Denn wenn du Macht hast, hast du sie, bis jemand kommt und zeigt, dass er mächtiger ist als du.

Könige von heute

Wenn Hu­ma­nis­mus die moderne Religion ist, wenn der säkulare Staat der moderne religiöse Staat ist, wenn der Politiker der moderne Priester ist, wer sind dann die modernen Könige?

Die modernen Könige sind die­je­ni­gen, die die wirkliche Macht und den wirk­li­chen Einfluss auf der Welt haben. Natürlich haben auch de­mo­kra­ti­sche Politiker eine gewisse Ent­schei­dungs­ge­walt, aber sie ist be­schränkt. So wie ein Hund sich auch an einer Leine frei bewegen kann – aber nur innerhalb des Radius, die der Länge der Leine ent­spricht.

Macht ist heut­zu­ta­ge da, wo das Kapital ist. Es gibt immer noch starke Fa­mi­li­en­dy­nas­ti­en, die zwar nicht diesen Titel tragen, jedoch nichts anderes sind als Kö­nigs­fa­mi­li­en. Was für Label Dingen zu­ge­wie­sen werden darf man nicht allzu wichtig nehmen, sie sind nur Schall und Rauch. Wird jemand nicht "offiziell" als König be­zeich­net, darf man nicht denken, dass er nicht diese Rolle erfüllt.

Ebenso sind Groß­in­dus­tri­el­le, die immensen Einfluss auf Wirt­schaft und Politik haben, die heutigen Könige. Aber auch die Köpfe von großen Ma­fia­or­ga­ni­sa­tio­nen und Kartellen – die ja im Prinzip auch nur Groß­un­ter­neh­mer sind, nur in einem Ge­schäfts­zweig, die dem Gesetze nach illegal ist, sodass ihre Ge­schäfts­prak­ti­ken als Kon­se­quenz daraus auch ge­walt­tä­ti­ger sein werden, da sie ihre An­ge­le­gen­hei­ten per de­fi­ni­tio­nem nicht vor Gericht klären können.

Diese moderne Herr­scher­kas­te ist die wahre Ent­schei­dungs­ge­walt in einem de­mo­kra­ti­schen Staat. Die Rolle eines Po­li­ti­kers ist es, das Sytem an sich auf­recht­zu­er­hal­ten. Und dazu gehört zu großen Teilen, die In­ter­es­sen genau dieser Kaste zu erfüllen. Ein de­mo­kra­ti­scher Politiker ist kein Volks­ver­tre­ter, sondern ein Wirt­schafts­ver­tre­ter. Aus der Rolle des Po­li­ti­kers und was er dafür tun muss folgt, dass diese Un­ter­neh­mer Teil des Systems sind. In der Realität gibt es keine Trennung zwischen Politik und Wirt­schaft; sie sind Teil ein und desselben Staates. Eine Un­ter­schei­dung findet aus­schließ­lich in der Theorie in Büchern statt. Auch die Be­zeich­nun­gen von privaten Un­ter­neh­men und Un­ter­neh­men im Staats­ei­gen­tum ist eine ir­re­füh­ren­de Un­ter­schei­dung. Sie mag ihren Platz haben, lenkt jedoch sehr vom großen Bild ab.

Daraus folgt ebenfalls, dass Kor­rup­ti­on kein übler Ne­ben­ef­fekt, sondern in­hä­ren­ter Teil des Systems ist. Aus De­mo­kra­tie und Freier Markt­wirt­schaft ent­springt diese Struktur zwangs­läu­fig. Menschen, die das nicht verstehen oder sich sogar weigern es zu verstehen, selbst wenn sie das jetzt lesen, werden viel­leicht versuchen gegen Kor­rup­ti­on und Be­stechun­gen anzugehen, sie könnten aber genauso dagegen angehen, dass die Sonne jeden Morgen aufgeht. Diese Leute lassen sich nicht bestechen, sondern erfüllen ihre Rolle im System.