Das Intelligenz-Dilemma

23.02.2021

Dummheit vs. In­tel­li­genz ist ein sehr in­ter­es­san­tes Thema. Viel wurde schon darüber gesagt und jedes Mal, wenn Dummheit adres­siert oder sich darüber lustig gemacht wird mit Sätzen wie

Kurt Tucholsky Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwie­ri­ger.
– Kurt Tucholsky

pflichten Leute dem bei und müssen viel­leicht auch an gewisse Menschen denken, auf die das zutrifft, aber niemand iden­ti­fi­ziert sich selbst mit den Dummen in diesen Zitaten. Es ist aber reine Ma­the­ma­tik, dass viele Menschen, die hierbei an andere denken müssen, selber die Dummen sind. Die Frage ist nur, wie findet man heraus zu welcher Gruppe man gehört? Denn ganz of­fen­sicht­lich fehlt es dem Gehirn dummer Menschen an genug Re­fle­xi­ons­ver­mö­gen, um diese Tatsache zu erkennen. Warum es so ist, be­schreibt uns der Dunning-Kruger-Effekt:

David Dunning Wenn man in­kom­pe­tent ist, kann man nicht wissen, dass man in­kom­pe­tent ist […]. Die Fä­hig­kei­ten, die Sie benötigen, um eine richtige Antwort zu geben, sind genau die Fä­hig­kei­ten, die Sie benötigen, um zu erkennen, was eine richtige Antwort ist.
– David Dunning

Erkennt jemand wie wenig er weiß, besitzt er schon mal genug mentale Ka­pa­zi­tä­ten, um viel­leicht nicht direkt in­tel­li­gent, aber um zumindest nicht dumm zu sein. Hält sich aber jemand für in­tel­li­gent, bedeutet es dann im Um­kehr­schluss, dass er höchst­wahr­schein­lich dumm ist? Nicht zwangs­läu­fig, aber es ist eine Option, die er of­fen­hal­ten sollte. Viele Menschen halten es bei der Be­ur­tei­lung, in welche Kategorie sie sich einordnen, für wichtig, sich mit anderen zu ver­glei­chen. Das kann aber oft ir­re­füh­rend sein.

Ich habe manchmal Videos gesehen, in denen jemand über tief­grün­di­ge­re oder kom­pli­zier­te Themen geredet hat, aber seine Stand­punk­te in meinen Augen mich an mich selber erinnert haben, als ich noch naiver und unreifer darüber gedacht habe. Schaue ich aber in die Kom­men­ta­re, sehe ich viele Leute, die ihn für seine Takes loben und sogar sagen, dass sie etwas aus diesem Video gelernt haben. Wenn er sich diese Kom­men­ta­re durch­liest, wird er sich bestätigt fühlen und denken, dass er in­tel­li­gent ist, immerhin schreiben das so viele Leute. Dass er hier der Einäugige unter den Blinden ist, wird ihm natürlich nicht auffallen.

Umgekehrt gibt es auch Fälle, in denen man selber von sich überzeugt ist, aber alle um einen herum sagen, dass man dumme Sicht­wei­sen hat. Sollte man das auf jeden Fall als Be­stä­ti­gung sehen, dass man Opfer des Dunning-Kruger-Effekts ist? Wieder gibt es keine ein­deu­ti­ge Antwort, denn es kommt darauf an wer diese Personen sind und wie kor­rum­piert und künstlich der Zustand der Ge­sell­schaft ist. Denn was auch immer der Konsens in der Ge­sell­schaft ist, die meisten Menschen werden ihm anhängen und

Jiddu Krishnamurti Es ist kein Zeichen von Ge­sund­heit, an eine von Grund auf kranke Ge­sell­schaft gut angepasst zu sein
– Jiddu Krish­na­mur­ti

Wie man es auch dreht und wendet, die Meinung anderer wird uns keine ein­deu­ti­ge Antwort darauf geben können. Nicht mal, wenn die Ge­sell­schaft krank ist und die meisten gegen uns sind, könnten wir mit Si­cher­heit zu dem Schluss kommen, dass wir demnach die ver­nünf­ti­ge Sicht­wei­se haben, denn es könnte auch sein, dass die Ge­sell­schaft in Wirk­lich­keit gar nicht krank ist und uns nur unsere Dummheit dazu führt das zu denken. Wir könnten am Ende nur Gefangene unserer eigenen In­kom­pe­tenz und Opfer unserer falschen Urteile sein.

In­tel­li­genz­tests

Selbst wenn wir eta­blier­te Methoden, unsere In­tel­li­genz zu messen, wie den IQ-Test, zu Rate ziehen, können wir uns nicht darauf verlassen. Denn alles was dieser Test macht ist es, In­tel­li­genz in ver­schie­de­ne Ka­te­go­ri­en, wie Mus­ter­er­ken­nung, Ver­voll­stän­di­gung von Zah­len­rei­hen, Sprach­ver­ständ­nis etc. ein­zu­tei­len und Aufgaben für diese zu entwerfen, um zu schauen, wie gut wir ab­schnei­den. Die Aufgaben selbst sind aber völlig künstlich und gleichen nichts, was wir im echten Leben oder in der Natur begegnen würden. Schneiden wir gut in diesen Tests ab, bedeutet es nicht, dass wir in­tel­li­gent sind, sondern dass wir gut darin sind, men­schen­ge­mach­te Aufgaben zu lösen.

Ver­fech­ter von IQ-Tests werden aber einwenden, dass Sta­tis­ti­ken eindeutig zeigen, dass es eine Relation zwischen einem hohen IQ und späterem Erfolg im Leben gibt, z.B. in Form eines gut­be­zahl­ten und an­ge­se­he­nen Berufes. Was sie aber nicht bedenken ist, dass es dafür keiner Sta­tis­ti­ken bedarf und es ein völlig na­he­lie­gen­der Zu­sam­men­hang ist, denn die meisten Menschen, die in unserem System einen gut­be­zahl­ten Beruf haben, haben auch einen guten Abschluss. Einen guten Abschluss haben bedeutet im Grunde genommen nur, dass sie während ihrer Aus­bil­dungs­zeit gut darin waren, die Tests des Lehrers zu lösen. Jemand, der einen men­schen­ge­mach­ten IQ-Test meistert, der meistert höchst­wahr­schein­lich auch eine men­schen­ge­mach­te Prüfung in der Schule. Nichts von beiden misst die In­tel­li­genz, es misst nur die Fähigkeit men­schen­ge­mach­te Aufgaben zu lösen.

Man darf nicht vergessen, dass sobald man In­tel­li­genz in seine Ein­zel­tei­le zerlegt und jedes Teil einzeln misst, man zu einem ver­zerr­ten Ergebnis kommen wird, denn man kann dann nicht mehr einfach die Resultate der Ein­zel­tei­le addieren, um zu dem Ge­samt­ergeb­nis zu kommen. Das ist nicht, wie unser Gehirn funk­tio­niert. In­tel­li­genz funk­tio­niert nur als Ganzes.

Alles, was wir ex­tra­hie­ren, trennen wir von ihrer Natur. Ob es Pflan­zen­öle sind oder Uran, sobald wir Verfahren ent­wi­ckeln, um etwas aus ihrem Element zu isolieren, ist der isolierte Teil für uns ungesund bis le­bens­ge­fähr­lich, denn er ist un­na­tür­lich. Genauso un­na­tür­lich ist es, einen Teil wie Mus­ter­er­ken­nung zu isolieren und einzeln zu messen. Der Zweck dieser Tests ist es also nicht unsere natürlich In­tel­li­genz zu ermitteln, sondern nur die Fähigkeit uns in unserer selbst­ge­mach­ten Natur, unserer künst­li­chen Zi­vi­li­sa­ti­on, zu bewegen. Das ist auch der Grund, wieso die reichen In­dus­trie­län­der durch­schnitt­lich einen höheren IQ haben, als Ent­wick­lunglän­der. Denn der IQ misst nicht die In­tel­li­genz, sondern die Künst­lich­keit der Ge­sell­schaft bzw. den Grad, inwieweit sie sich von der Natur getrennt haben.

Was ist In­tel­li­genz?

Man kann nicht anders, als zu dem Schluss zu kommen, dass In­tel­li­genz nichts greif­ba­res ist. Ja, dass es viel­leicht noch nicht einmal existiert, denn hat es überhaupt eine Rolle gespielt, bevor es die ersten Zi­vi­li­sa­tio­nen gab? Bedeutete In­tel­li­genz nicht einfach nur, dass man am Leben war und demnach nichts Dummes getan hat, wodurch man umkam und je älter man war, desto in­tel­li­gen­ter war man auch, denn das bedeutete, dass man umso länger kluge Ent­schei­dun­gen getroffen hat, die einen am Leben gehalten haben? Und war das nicht der Ursprung dafür, dass in Er­zäh­lun­gen alt sein ein Synonym für weise sein ist?