Der Ankereffekt als essentiellsten Mittel der Medien

21.01.2021

Um ein psy­cho­lo­gi­sches Ex­pe­ri­ment zu machen, wurden einigen Besuchern des Ex­plo­ra­to­ri­ums, eines Museums in San Francisco, folgende beiden Fragen gestellt: 1) Beträgt die Höhe des größten Küs­ten­mam­mut­baums mehr oder weniger als 366 Meter? 2) Wie hoch ist Ihrer Meinung nach der größte Küs­ten­mam­mut­baum? Anderen Test­per­so­nen wurde statt 366 Meter nur 55 Meter genannt. Der durch­schnitt­li­che Schätz­wert der zweiten Frage betrug in der ersten Gruppe 257 Meter, während er in der anderen Gruppe 86 Meter betrug.

Dass die beiden Gruppen so un­ter­schied­li­che Zahlen geschätzt hatten, lag an einem bekannten psy­cho­lo­gi­schen Phänomen namens An­ker­ef­fekt. Dadurch, dass vorher eine Zahl genannt wurde – also 366 bzw. 55 – hatten die Test­per­so­nen einen Anker an denen sie sich ori­en­tie­ren konnten und von denen sie sich un­wei­ger­lich be­ein­flus­sen ließen. Auch wenn es absolut keine Indizien dafür gab, dass die Antwort auf die zweite Frage ir­gend­et­was mit der Zahl zu tun hat. Daniel Kahnemann schreibt in seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken":

Wenn man Sie fragt, ob Gandhi über 114 Jahre alt war, als er starb, werden Sie sein Alter bei seinem Tod viel höher schätzen, als Sie es tun würden, wenn die An­ker­fra­ge auf einen Tod mit 35 Jahren verweisen würde. Wenn Sie überlegen, wie viel Sie für ein Haus bezahlen sollten, werden Sie von der ur­sprüng­li­chen Preis­for­de­rung be­ein­flusst. Dasselbe Haus wird Ihnen wert­vol­ler er­schei­nen, wenn sein Lis­ten­preis höher ist, als wenn er niedrig ist, selbst wenn Sie ent­schlos­sen sind, sich nicht von dieser Zahl be­ein­flus­sen zu lassen; und so weiter – die Liste der An­ker­ef­fek­te ist endlos. Jede Zahl, die Ihnen als mögliche Lösung für ein Schät­zungs­pro­blem prä­sen­tiert wird, erzeugt einen An­ker­ef­fekt.

Doch nicht nur Zahlen dienen als Anker, die das Denken be­ein­flus­sen, sondern auch das Verhalten und die Ansichten der Mit­men­schen haben einen ähnlichen Effekt auf einen. Bei­spiel­haft dafür sei hier das Kon­for­mi­täts­ex­pe­ri­ment von Asch zu nennen:

Ob bewusst oder unbewusst, dieser Effekt wird ganz stark von Politik und Medien aus­ge­nutzt. Wenn man z.B. seinen po­li­ti­schen Gegner dis­kre­di­tie­ren will, macht man ihn schlech­ter als er wirklich ist, denn obwohl die meisten das nicht glauben werden, ist der An­ker­punkt so weit nach außen gesetzt, dass Leute schlech­ter über den Gegner denken werden, als wenn man einfach bei den Fakten geblieben wäre. Ganz stark wird es von Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern ein­ge­setzt, die Menschen an der Macht u.a. als bösartige Rep­ti­loi­den oder okkulte Teu­fels­an­be­ter dar­stel­len. Die meisten werden das natürlich nicht abkaufen, aber das ist auch gar nicht der Zweck; der Zweck ist, dass man un­wei­ger­lich von dieser Dar­stel­lung be­ein­flusst wird, ob man es will oder nicht.

Und je mehr man eine Sache wie­der­holt, desto stärker wirkt der Anker. Allein die Tatsache der Wie­der­ho­lung schafft die Illusion von Relevanz, sodass Medien gerne extra lang über ein Thema berichten oder über­durch­schnitt­lich viele Artikel dazu schreiben, wenn sie es besonders her­vor­he­ben wollen. Die Leser werden dann das Gefühl haben, dass es ein wichtiges Thema sein muss, obwohl es in Wirk­lich­keit nur auf­ge­bauscht wurde.

So können große Me­di­en­häu­ser, die sehr viele Leute erreichen, sich ein Thema aussuchen und sich vornehmen das besonders wichtig dar­zu­stel­len. All die Leute, die das verfolgen, werden un­wei­ger­lich so sehr davon be­ein­flusst werden, dass sich ihr Bild der Realität dem­entspre­chend ändern wird und sie überzeugt davon sein werden, dass es tat­säch­lich ein über­durch­schnitt­lich wichtiges Thema ist. Als Folge des ma­ni­pu­lier­ten Ge­samt­in­ter­es­ses werden die Stimmen der Be­völ­ke­rung in Richtung Politik lauter, sodass Politiker im Zugzwang stehen werden etwas zu tun. Dem­zu­fol­ge treten neue Gesetze oder Be­stim­mun­gen in Kraft, die ohne die Be­richt­erstat­tung niemals passiert wären.

Nehmen wir die rein hy­po­the­ti­sche Situation, dass sich die Medien eines Tages dazu ent­schlie­ßen würden, eine ganz normale Krankheit jenseits von Gut und Böse auf­zu­bla­sen, zum Großteil mit ge­fälsch­ten Zahlen und Pseu­do­wis­sen­schaft. Das würde so eine Angst in der Be­völ­ke­rung auslösen – denn nicht vergessen: An­ker­ef­fekt, selbst wenn nur ein Bruchteil davon wahr ist, ist es schon schlimm genug – dass die Politik es nicht übersehen würde und ir­gend­et­was tun müsste. Sie müsste ent­spre­chen­de Maßnahmen durch­füh­ren, die die Medien zu­frie­den­stellt. Denn wenn nicht, würden sie einfach weiter machen und die Menschen als ihre blinden Soldaten nutzen, bis sich die Politik schluss­end­lich fügt. Die Medien würden das alles aber mit bestem Gewissen machen, denn sie würden sich auf externe wis­sen­schaft­li­che Quellen berufen, na­ment­lich ir­gend­wel­che Drei-Buch­sta­ben-Institute und -Or­ga­ni­sa­tio­nen. Diese Institute könnten dann unter Umständen aber getarnte po­li­ti­sche oder in­dus­tri­el­le Or­ga­ni­sa­tio­nen sein und Profit oder das Ausführen einer Agenda mehr im Sinn haben als Wis­sen­schaft und sie könnten die gut­gläu­bi­gen Medien einfach als Ka­ta­ly­sa­tor nutzen. So könnte der An­ker­ef­fekt genutzt werden, um die Welt zu seinen Gunsten zu verändern. Hoffen wir mal, dass es niemand macht, oder...?