Der Grund von allem. Oder: Die Buchstabenanalogie

04.09.2020

In meinem letzten Post hatte ich zu Beginn schon kurz das her­me­ti­sche Prinzip der Ent­spre­chung an­ge­spro­chen. Von allen sieben Prin­zi­pi­en be­schäf­tig­te mich in den letzten Jahren dieses, das zweite, am meisten. Zumindest ist es das zweite Prinzip laut dem Kybalion. Wie sehr die In­ter­pre­ta­ti­on des Kybalions tat­säch­lich der wahren Bedeutung der Corpus Hermetica ent­spricht, kann natürlich an­ge­zwei­felt werden. Be­trach­tet man die Tabula Sma­ragd­i­na, wird sogar direkt mit dem zweiten Prinzip ein­ge­stie­gen. Da ich leider keine der Sprachen be­herr­sche, in denen uns die ältesten uns noch bekannten Versionen der Tabula vorliegen, habe ich mich nach deutschen und eng­li­schen Über­set­zun­gen umgesehen. Von allen gelesenen hat mich die Über­set­zung von Isaac Newton am meisten an­ge­spro­chen:

Tis true without lying, certain & most true.

That which is below is like that which is above
& that which is above is like that which is below
to do the miracle of one only thing

Für mich gehört das zu den mäch­tigs­ten Versen, die ich jemals gelesen habe. Vor­aus­ge­setzt natürlich, dass sie tat­säch­lich so gemeint sind, wie ich sie verstehe. Dadurch, dass sie so allgemein und me­ta­pho­risch gehalten sind, in­ter­pre­tie­ren Menschen alles mögliche da hinein. Wenn man im Internet danach sucht, stößt man auf lauter eso­te­risch an­ge­hauch­te Seiten und Videos. Ohne jetzt abzutun, wie diese Leute es verstehen, aber ich glaube nicht, dass damit nur die Relation zwischen Geist und Universum und die Über­ein­stim­mung zwischen dem, was im Geist ist mit dem, was im Universum ist (also das Gesetz der Anziehung), gemeint war. Dieses Prinzip verstehe ich eher als die Antwort auf die Fragen, woher alles kommt und was der Welt und ihren Phä­no­me­nen zugrunde liegt. Und als eine Mög­lich­keit weise Vor­aus­sicht zu haben und auch an­ge­sichts der Dinge, die auf der Welt passieren, eine stoische Grund­hal­tung zu ent­wi­ckeln. Um dies zu ver­an­schau­li­chen, hatte ich vor einigen Jahren ein Modell dazu ent­wi­ckelt:

Die Buch­sta­ben­ana­lo­gie

Be­trach­ten wir das Alphabet, stellen wir fest, dass es dem Stan­dard­mo­dell der Ele­men­tar­teil­chen ent­spricht. Denn Buch­sta­ben sind die kleinsten Elemente der ge­schrie­be­nen Sprache. Du kannst die ge­schrie­be­ne Sprache nicht weiter aufteilen als in Buch­sta­ben.

Jede der Buch­sta­ben hat gewisse und ein­zig­ar­ti­ge Ei­gen­schaf­ten, die sie von den anderen Buch­sta­ben un­ter­schei­det, z.B. die Art, wie sie ge­schrie­ben werden, die Art, wie man sie aus­spricht, ihre Position im Alphabet usw.

Nehmen wir uns einzelne Buch­sta­ben raus, bspw. A, B, M und U, können wir sie kom­bi­nie­ren und ein Wort daraus kreieren: Baum. Wir stellen fest, dass das Wort etwas neues ist, dass es wie auf magische Weise aus­drü­cken kann, was die einzelnen Buch­sta­ben nicht aus­drü­cken konnten. Sieht man sich die Buch­sta­ben einzeln und gesondert an, dann enthält keine von ihnen die Bedeutung, die ihre Kom­bi­na­ti­on enthält. Das Wort ist an sich eine neue Ebene, die über der Buch­sta­ben­ebe­ne ent­stan­den ist. Das heißt, das Ganze ist mehr als die Summe der Ein­zel­zei­le.

Wortebene aus Buchstabenebene

Das "mehr" in "mehr als die Summe der Ein­zel­tei­le" ist die eigene We­sens­ein­heit von "Baum", die die Buch­sta­ben, die das Wort bilden, überhaupt nicht enthalten können. Diese We­sens­ein­heit entsteht nur durch die Kom­bi­na­ti­on.

Was meine ich mit We­sens­ein­heit? Ich meine damit all die Ei­gen­schaf­ten und Gesetze, die mit einer be­stimm­ten Einheit in Ver­bin­dung stehen. Jeder Buchstabe ist für sich genommen eine eigene Einheit – die kleinste Einheit, die nicht weiter gespalten werden kann. Sie haben, wie oben be­schrie­ben, gewissen Ei­gen­schaf­ten. "Baum" als Wort ist auch eine Einheit. Die Ei­gen­schaf­ten von "Baum" sind ebenfalls wie man es schreibt, wie man es aus­spricht und die Position im... Wör­ter­buch. Wir sehen, dass sich gewisse Dinge ändern, wenn es sich um eine neue Ebene handelt. Ebenfalls enthält das Wort neue Ei­gen­schaf­ten, die auf der dar­un­ter­lie­gen­den Ebene nicht exis­tie­ren. Zum Beispiel Dop­pel­deu­tun­gen, Ety­mo­lo­gie usw.

Eine weitere in­ter­es­san­te Be­ob­ach­tung ist, dass die Ei­gen­schaf­ten, die von beiden Ebenen geteilt werden, von der unteren Ebene be­ein­flusst werden. Wie man "Baum" schreibt, hängt davon ab, wie man die einzelnen Buch­sta­ben schreibt. Ebenso bei der Aus­spra­che.
Lesen wir das Wort, beachten wir nicht wirklich die Buch­sta­ben, wir be­trach­ten es als eigene feste Einheit, aber wenn wir uns bewusst darauf kon­zen­trie­ren, können wie sie wahr­neh­men – wir sehen, dass sie die Bausteine sind. Das heißt, die Buch­sta­ben geben ihre Ei­gen­schaf­ten an die nächst­drü­ber­lie­gen­de Ebene weiter... durch eine Art Bubble-Up-Effekt. Es findet also eine Vererbung statt.

Direkt die nächste Zeile der oben zitierten Über­set­zung von Newton bestätigt das Ganze:

And as all things have been and arose from one by the mediation of one: so all things have their birth from this one thing by ad­ap­tati­on.

Das bedeutet, die Ei­gen­schaft der Wörter sind die ad­ap­tati­ons der Ei­gen­schaf­ten der Buch­sta­ben, aus denen sie geboren wurden.

Jetzt können wir ver­schie­de­ne Wörter nehmen, z.B. alt, Baum, der und ist und sie zu einem Satz zu­sam­men­stel­len: Der Baum ist alt. Auch hier findet wieder das gleiche Phänomen statt: Der Satz drückt etwas aus, was jedes einzelne Wort, aus dem sie besteht, nicht aus­drü­cken konnte. Oder auch, was jeder einzelne Buchstabe, aus dem sie im Endeffekt auch besteht, nicht aus­drü­cken konnte. Es ist also schon wieder eine neue Ebene ent­stan­den. Und schon wieder wird diese Ebene von den dar­un­ter­lie­gen­den Ebenen be­ein­flusst. Erst erben die Wörter die Ei­gen­schaf­ten der Buch­sta­ben, ad­ap­tie­ren sie, er­schaf­fen neue Ei­gen­schaf­ten und vererben sie weiter an die Sätze, die diese wiederum ad­ap­tie­ren und neue er­schaf­fen.

Wir können nun viele Sätze nehmen und sie zu einem Absatz kom­bi­nie­ren. Dann nehmen wir viele Absätze und kom­bi­nie­ren sie zu einem Kapitel. Nehmen viele Kapitel und stellen sie zusammen zu einem Buch. Nehmen viele Bücher und er­schaf­fen damit eine Bi­blio­thek. Und jedes Mal, wenn wir diese Kom­bi­na­tio­nen von ver­schie­de­nen Einheiten vornehmen, egal wie klein oder groß sie sind, er­schaf­fen wir eine neue Ebene. Und immer treten die gleichen Phänomene auf: Immer gibt die dann zweit­höchs­te Ebene ihre Ei­gen­schaf­ten an die neue höchste Ebene. Immer hat die neu en­stan­de­ne Ebene eigene Ei­gen­schaf­ten und eigene Regeln, die neu und exklusiv für sie sind.

Saztebene auf Buchstabenebene

Und schauen wir uns ein Buch an und fragen uns, wie es kommt, dass man es so schreibt und liest, wie man es schreibt und liest, dann lässt sich die Frage erst be­ant­wor­ten mit der Technik und dem Geschmack der Druckerei, dann mit der Grammatik, den Regeln der Recht­schrei­bung und schließ­lich mit den fest­ge­setz­ten Axiomen der Buch­sta­ben. Alles was wir in der höheren Ebene des Buches wahr­neh­men, fußt letzten Endes auf seinen Bau­stei­nen im Alphabet.

Wie unten, so oben

Die wirklich in­ter­es­san­te Er­kennt­nis, die man daraus gewinnen kann, ist nicht etwa nur die recht of­fen­kun­di­ge Be­ob­ach­tung, dass einfache Dinge, die sich zu­sam­men­schlie­ßen, kom­pli­zier­te­re Dinge bilden, die ihre eigenen Ei­gen­schaft und Regeln haben, sondern dass diese Ei­gen­schaf­ten vererbt sind. Die Ei­gen­schaft von Molekülen, dass sie sich zu­sam­men­schlie­ßen und abstoßen mit anderen Molekülen, wurde vererbt von Atomen, die das gleiche tun mit anderen Atomen; und das wurde wiederum vererbt von sub­ato­ma­ren Teilchen, die genau diese Ei­gen­schaft auf ihrer Ebene haben.

Schließen sich Moleküle mit anderen Molekülen zusammen zu größeren Gebilden, wie z.B. Zellen, dann haben auch diese wieder diese Ei­gen­schaf­ten. Sie können sich anziehen und abstoßen. Nicht weiter er­staun­lich haben die Phänomene auf jeder weiteren Ebene, die dazukommt, ihre eigenen Er­klä­rungs­mo­del­le, da bei diesen Ei­gen­schaf­ten eigene Faktoren im Spiel sind und die Prozesse auch komplexer sind, als auf der dar­un­ter­lie­gen­den Ebene.

Bilden sich Zellen zusammen zu lebenden Or­ga­nis­men, geben sie diese Fä­hig­kei­ten weiter an sie. Wir als Menschen bei­spiels­wei­se können Liebe und Hass empfinden, können uns streiten und versöhnen. Das ist auch alles nichts anderes als Anziehung und Abstoßung mit anderen Elementen (Menschen) auf unserer Ebene. Wie im vor­he­ri­gen Absatz be­schrie­ben, sind die Faktoren, die zu diesen Phä­no­me­nen bei uns führen aber deutlich komplexer als die bei Zellen. Alles ist viel­schich­ti­ger und enthält mehr Variablen, sodass sich sogar ganze Wis­sen­schaf­ten um die Un­ter­su­chung dieser Ei­gen­schaf­ten gebildet haben. Das Prinzip bleibt jedoch das gleiche.

Doch Menschen sind nicht die Krone dieser Kette. Wir können uns zu­sam­men­schlie­ßen mit anderen Menschen und Gruppen bilden. Oder Ge­mein­schaf­ten und Städte, Staaten und Staa­ten­ge­mein­schaf­ten. Immer wenn wir uns zu Gruppen zu­sam­men­tun, geben wir unsere Ei­gen­schaf­ten an sie weiter. So können Gruppen sich wohl­ge­sinnt sein und zu­sam­men­ar­bei­ten oder sie können sich ver­strei­ten und versuchen sich ge­gen­sei­tig aus­zu­lö­schen.

Bekriegen sich zwei Staaten, ist es auf ihrer Ebene das gleiche, wie auf unserer Ebene, wenn sich zwei Menschen streiten. Oder auf weiter unteren Ebenen Zellen, Moleküle und Atome, die sich abstoßen. Hass und Krieg existiert, weil sub­ato­ma­re Teilchen mit ent­ge­gen­ge­set­zen Ladungen exis­tie­ren. Sie aus der Welt zu verbannen ist unmöglich. Wenn einem eine Fee erscheint und nach einem Wunsch fragt und man sich Welt­frie­den wünscht und dass sich alle Menschen nur noch lieben sollen bis ans Ende der Zeit, dann würde sich die Welt auflösen. Denn die Prin­zi­pi­en, die die Welt zu­sam­men­hält wären mit ihr ver­schwun­den. Der Fee würde nur eine von beiden Optionen of­fen­ste­hen: entweder schafft sie die Abstoßung zweier Elemente ab oder sie schafft die Tatsache ab, dass Ei­gen­schaf­ten an obere Ebenen vererbt werden (was Teil des evo­lu­tio­nä­ren Prinzips ist). Ohne eines von beiden könnten wir nicht hier sein.

Hass und Streit und Konflikte werden also da sein, solange es Leben gibt. Krieg könnte aber rein theo­re­tisch ab­ge­schafft werden, wenn man Staaten abschafft. Wenn eine Ebene ver­schwin­det, ver­schwin­den auch all ihre Ei­gen­schaf­ten mit ihr.

Wie oben, so unten

Anziehung und Abstoßung sind jedoch nur Beispiele, die ich her­aus­ge­sucht habe, um dieses Prinzip zu ver­deut­li­chen. Ich hätte auch Ei­gen­schaf­ten wie Bewegung, Rhythmus, Schwin­gung usw. nehmen können. Ebenso hätte man statt Lebewesen bspw. Him­mels­ob­jek­te und das Universum her­an­zie­hen können. Gra­vi­ta­ti­on ist auf der kos­mi­schen Ebene die Anziehung und Dunkle Energie die Abstoßung.

Aber nicht nur solche grund­le­gen­den Dinge werden vererbt, sondern auch kom­ple­xe­res wie die Psyche. Schließen sich Menschen zu einer Gruppe zusammen, dann hat die Gruppe einen eigenen Kopf. Das äußert sich in der Mas­sen­psy­cho­lo­gie. Aber auch Mob­men­ta­li­tät ist nichts anderes. Der Mob handelt auf eine gewisse Weise, wie jeder einzelne darin auf sich al­lein­ge­stellt nicht gehandelt hätte. Das heißt, sie ist ein eigenes Element, ein eigenes Or­ga­nis­mus. Genauso haben auch Staaten eine eigene Psyche. Lesen wir in den Nach­rich­ten oder in Ge­schichts­bü­chern, dann wird über Länder so ge­schrie­ben, als wären sie Menschen - Land A verärgert Land B, Land C misstraut Land D etc. Wir wissen zwar, dass nur einzelne Menschen für diese Ent­schei­dun­gen ver­ant­wort­lich sind und nicht die Ge­samt­heit des Landes, aber das gleiche gilt auch für uns; wenn wir verärgert sind, ist nur ein kleiner Teil unseres Körpers für die Emotion ver­ant­wort­lich, der meiste Teil hat nichts damit zu tun.

Diese Art die Welt zu be­trach­ten, dass also ein Zu­sam­men­schluss von Dingen ein eigenes neues Element ist, sogesehen ein eigener Körper, ist aus­schlag­ge­bend. Das ist die Wahrheit, die allem zugrunde liegt. Wenn man das einmal ver­in­ner­licht hat, sieht man es überall. Bin ich z.B. in einer Men­schen­mas­se und wir gehen durch einen engen Durchgang, muss ich immer an Was­ser­mas­sen denken, die durch eine Enge getrieben werden.

Wasser und Menschenmenge

Nun mag es erst einmal trivial er­schei­nen, aber das ist es kei­nes­falls. Dieses Verhalten, die Massen von Was­ser­mo­le­kü­len haben, haben auch Massen von Menschen. Wir als Menschen sind im Prinzip auch Atome, nur deutlich komplexer.

Wir müssen uns vor Augen führen, dass je größer die Zu­sam­men­schlüs­se sind, desto größer werden auch die Aus­wir­kun­gen dieser Phänomene sein. Dagegen, dass diese Phänomene bei jeder Grö­ßen­ord­nung auftreten werden, können wir nichts tun, es ist ein uni­ver­sa­les Prinzip. Wir können aber etwas dagegen tun, immer größer und globaler zu denken. Es wird Konflikte geben, so oder so. Ein Konflikt zwischen zwei Menschen oder zwischen zwei kleinen Gruppen wird aber nicht so eine Kon­se­quenz mit sich ziehen, wie Kriege zwischen Staaten und sogar Staa­ten­zu­sam­men­schlüs­sen.

Europa

Der Trend geht aber leider immer weiter in Richtung globaler Ge­mein­schaf­ten. In der naiven Annahme, das würde ein Zeitalter des Friedens einläuten. Zu­sätz­lich zu der genannten Ignoranz gegenüber uni­ver­sel­len Prin­zi­pi­en, kommt hier aber noch die Tatsache hinzu, dass je größer eine Struktur ist, desto fragiler ist sie. Um so ein globales System auf­recht­zu­er­hal­ten, bedarf es sehr viel Bü­ro­kra­tie, eines Über­wa­chung- und Zen­sur­ap­pa­rats und gleich­ge­schal­te­ter Medien. Also einer Dystopie, wie sie im Buche steht. In der Realität gibt es aber keinen Un­ter­schied zwischen Dystopie und Utopie. Die Utopie ist das Ideal und um sie um­zu­set­zen, bedarf es eines dys­to­pi­schen Systems.
Die Menschen in so einer Ge­mein­schaft würden aber nicht merken, dass sie in einer Dystopie leben. Ihr einziger Zugang zu In­for­ma­tio­nen würde vom System selbst angeboten werden. Sie würden denken, die positiven Dinge auf der Welt würden von dem System er­mög­licht werden und für die negativen Dinge wären "die anderen" ver­ant­wor­lich. Um die Probleme zu lösen, müsste man die anderen aber nur an den Tisch holen und noch größere Ge­mein­schaf­ten schließen. Dann würde es ir­gend­wann keine Kriege und Konflikte mehr geben.