Der Mär von sich selbst genug sein

31.07.2022

Einer der häu­figs­ten Rat­schlä­ge, die man zur Selbst­fin­dung oder nach einer Trennung oder einem anderen ein­schnei­den­den Ereignis bekommt, ist eine Form von Ab­ge­schie­den­heit, das Ver­brin­gen der Zeit mit sich selbst. Denn nur wenn man sich selbst genug ist, ist man sozusagen geheilt und kann wieder Kontakt zu anderen Menschen suchen.

Die gleichen Leute, die soetwas sagen, würden aber nicht Zeit in Ein­zel­haft ver­brin­gen. Obwohl das die ul­ti­ma­ti­ve Form von Al­lein­sein ist.

Doch was sie meinen ist, dass man nur keinen direkten Kontakt zu anderen Menschen haben sollte, man sich jedoch trotzdem an­der­wei­tig ablenken kann. Viele von ihnen ver­brin­gen ihre Zeit im Internet und un­ter­hal­ten sich sogar dort mit anderen. Andere schauen Filme und hören Musik. Andere lesen Bücher. All das sind soziale Kontakte; indirekte, aber trotzdem soziale In­ter­ak­ti­on, denn man setzt sich den Gedanken und der Arbeit von anderen Menschen aus.

Wirklich allein sein würde bedeuten, dass man sich mit gar keinen unterhält, ganz egal in welcher Form und das man auch absolut nichts kon­su­miert, das Menschen pro­du­ziert haben. Also so etwas wie Me­di­ta­ti­on, Wald­spa­zier­gän­ge usw. Doch wie lange kann man all das machen, bis man sich wieder jemanden her­bei­wünscht? Jeder, der das versucht und keine starke religiöse Mo­ti­va­ti­on hat es durch­zu­zie­hen, wird sehr schnell zu spüren bekommen, dass Menschen soziale Wesen sind und niemand sich selbst genug ist und das Un­ter­fan­gen alsbald abbrechen.