Die einzige Rettung für das Web

21.08.2020

Jeder, der das Glück hatte schon in den 90ern und frühen 2000ern im Internet unterwegs gewesen zu sein, weiß von dem Charme, den Webseiten damals im Vergleich zu heute hatten. Jede Seite war eine eigene und neue Welt und man konnte sich lange darin verlieren, alle möglichen Inhalte und Un­ter­sei­ten zu erkunden. Oder sie auch ganz schnell wieder zu verlassen aufgrund von Au­gen­krebs­ge­fahr. Die Seiten haben nicht nur in­halt­lich den eigenen Geschmack und die eigene Per­sön­lich­keit wi­der­ge­spielt, sondern auch das Design, die Struktur usw. haben etwas über den je­wei­li­gen Betreiber verraten. Es war sowas wie ein Klei­dungs­stil, nur digital.

Damals musste man sich mit der Technik aus­ein­an­der­set­zen, wenn man sich selbst pu­bli­zie­ren wollte. Web­ent­wick­lung war Hobby für viele Menschen. Die Ein­stiegs­hür­de war auch sehr gering, man musste nur etwas HTML und CSS erlernen und das meiste davon war recht intuitiv, selbst für Leute, die nicht technisch veranlagt waren. Im Gegensatz zu heute, wenn Web­ent­wick­lung heißt, pro­fes­sio­nel­ler Web­ent­wick­ler zu sein. Ein­stei­gern werden mo­na­te­lan­ge Bootcamps angeboten oder sie werden in Play­lis­ten voller Vi­deo­tu­to­ri­als mit un­zäh­li­gen ver­schie­de­nen Tech­no­lo­gi­en kon­fron­tiert. Die Ein­stiegs­hür­de ist so hoch, dass sich viele denken, die Zeit, die man rein­steckt, lohnt sich nicht, wenn man nicht früher oder später Geld damit verdient. Also locken Trainer damit, dass man Anfänger dazu ausbilden wird, dass sie ir­gend­wann Teil der Industrie werden.

Ich glaube, dass es lang­fris­tig eine sehr schlechte Ent­schei­dung ist, sich nur auf mo­no­li­thi­sche Soziale Netzwerke zu verlassen, auf denen alle uni­for­mier­te Seiten haben. Wir sollten wieder zurück zu der Zeit, in der Leute einen eigenen Platz im Internet hatten. Einen Platz, auf dem sie alle Frei­hei­ten hatten und nicht den Regeln und Ein­schrän­kun­gen der je­wei­li­gen Plattform un­ter­wor­fen waren.

Wenn jemand sich heute erst damit aus­ein­an­der­set­zen will wie man Seiten erstellt, sollte er auf keinen Fall im Internet danach suchen. Dort wird man nur mit Dingen kon­fron­tiert, die einen in die falsche Richtung lenken werden. Das Internet heute mit seinen völlig über­la­de­nen und over­en­gi­neer­ten Seiten ist u.a. das Resultat von all den Ent­wick­lern, die diesen Pfad ent­lang­ge­gan­gen sind. (Maciej Ceglowski hat einen sehr guten Vortrag dazu gemacht). Nein, statt­des­sen sollte er schnur­stracks in die nächste Bi­bi­lio­thek gehen und dann in der Com­pu­ter­ab­tei­lung nach schön alten HTML-Büchern suchen. Bevorzugt, wenn sie 15+ Jahre alt sind – wenn die HTML-Elemente groß ge­schrie­ben sind, ist das ein gutes Zeichen!

Jemand, der auf dieser Basis ent­wi­ckelt, wird eine bessere Webseite haben, als der Großteil des modernen Internets.

Nun darf man mich aber auch nicht falsch verstehen, ich bin kein Kul­tur­hä­re­ti­ker. Ich denke nicht, dass wir einfach die Ent­wick­lun­gen igno­rie­ren sollten, die wir in den letzten 20 Jahren gemacht haben. Ich bin eher dafür, dass wir die Sachen, die wir gelernt haben, nutzen sollten, um den Ent­wick­lungs­stil der 90er zu ver­bes­sern.

Lass mich das an einfachen Bei­spie­len fest­ma­chen: wiby.me ist eine Such­ma­schi­ne für Seiten im 90er Style. Man kann entweder nach be­stimm­ten Schlag­wor­ten suchen oder "surprise me..." klicken und gelangt auf eine zufällig Seite. Wenn man sich ein paar Seiten be­trach­tet, wird man bei vielen gewisse Mankos fest­stel­len. Bei­spiels­wei­se haben viele Seiten keine maximale Breite für den Inhalt, sodass der Text von der ganz linken bis zur ganz rechten Ecke reichen und das Lesen sehr an­stren­gend machen. Oder viele haben blinkende und animierte Gifs an gefühlt jeder Ecke und die lenken sehr ab. Das sind aber Probleme, die dem damaligen tech­ni­schen Stand ge­schul­det sind und heute so nicht nochmal auftreten würden. Die Seiten damals waren größ­ten­teils für 640x480 Pixel Bild­schir­me designed. Wenn man seinen Brow­ser­fens­ter auf diese Größe reduziert, wird man fest­stel­len, dass die Texte ganz angenehm zu lesen sind. Ebenfalls sieht man auch nicht mehr so viele animierte Gifs, weil die meisten immer außerhalb des Viewports sind. Diese Seiten waren nie dazu gedacht mit so riesigen Monitoren be­trach­tet zu werden. Die Technik heute würde dieses Problem also von alleine re­gu­lie­ren.

Wir sollten wieder zurück zum sta­ti­schen Web. Solange es nicht eine user­ba­sier­te Seite ist, sollten Seiten immer HTML-Seiten sein. Es gibt absolut keinen Grund für per­sön­li­che Websites, Blogs usw. irgendein CMS zu nutzen oder auf ir­gend­ei­nen Stack zu setzen. Wenn man die Grund­la­gen be­herrscht, kann man auch gern auf moderne Build­pro­zes­se zu­rück­grei­fen. Sodass man eine bequemere und ele­gan­te­re Art hat Inhalte zu erstellen und es einem Programm überlässt am Ende statische Seiten zu ge­ne­rie­ren. Das heißt, wir nehmen die wichtigen Dinge der letzten Jahre mit und nicht die über­flüs­si­gen.