Die Erfindung des morgen

22.04.2021

Wenn wir über Zeit nach­den­ken, stellen wir sie uns oft vor wie eine Linie, ähnlich eines Zah­len­strahls, ver­lau­fend in eine Richtung. Wir sind in der Mitte, das ist die Gegenwart und der Strahl verläuft durch uns; die Linie vor unseren Augen ist die Zukunft, die Linie hinter uns die Ver­gan­gen­heit.

Doch wäre die Zukunft tat­säch­lich vor uns, müssten wir sie sehen können und wäre die Ver­gan­gen­heit hinter uns, dürften wir sie nicht sehen. Jedoch ist es in Wirk­lich­keit genau umgekehrt – die Ver­gan­gen­heit liegt vor und die Zukunft hinter uns und wir laufen rückwärts ohne zu wissen, worauf wir stoßen werden. Man könnte also meinen, der Zeit­strahl wäre genau umgekehrt und wir leben nicht nach vorne, sondern zurück.

Blick in die Ver­gan­gen­heit

Doch der Schein trügt, denn wir können nicht wirklich in die Ver­gan­gen­heit sehen, das einzige was wir haben, sind unsere Er­in­ne­run­gen. Doch sind Er­in­ne­run­gen nicht nur ver­gess­bar oder anfällig für Ver­zer­run­gen, sondern sie sind auch zu­künf­ti­gen Um­in­ter­pre­ta­tio­nen aus­ge­setzt. Wie oft hat man nicht nach ver­än­der­ten Le­bens­um­stän­den oder neuen Dingen, die man gelernt hat, zurück geblickt und gewisse Ge­ge­ben­hei­ten plötzlich aus anderen Augen gesehen? Wie oft hat man nicht sein eigenes Leben re­tro­spek­tiv verändert?

Er­in­ne­run­gen sind nur Modelle des Erlebten. Sie sind Gemälde, die unsere Gehirn zeichnet – sie bilden die Realität ab, aber sie sind nicht die Realität. Manche der Gemälde sind fo­to­rea­lis­tisch, manche ex­pres­sio­nis­tisch, manche abstrakt, alle sind sie In­ter­pre­ta­tio­nen aus­ge­setzt und geben uns ein Bild der Ver­gan­gen­heit, jedoch ein lü­cken­haf­tes.

Schnell wird klar, einen Zeit­strahl gibt es nicht wirklich. Denn wenn es weder eine Zukunft gibt, die bestimmt ist und die Ver­gan­gen­heit nur eine Illusion ist, die durch unsere Er­in­ne­run­gen gebildet wird, dann kann Zeit nicht durch eine Linie dar­ge­stellt werden. Es gibt nur einen einzigen Moment, das Jetzt und der Zustand des Jetztes verändert sich stetig von Jetzt auf Jetzt. Alles, die gesamte Welt­ge­schich­te, ist ein Moment.

Einfluss von Zyklen

Würden wir aber die Zeit als das be­trach­ten, was sie ist, könnten wir nicht damit arbeiten. Wir könnten keine Ordnung und keine Zi­vi­li­sa­tio­nen aufbauen. Dadurch, dass sich in der Natur die Zustände nicht immer ganz will­kür­lich verändern, sondern gewissen Trends folgen oder immer wie­der­keh­ren­de Er­eig­nis­se statt­fin­den, nutzte der Mensch diese Be­ob­ach­tung aus, um nach divide et impera ein Modell zur Struk­tu­rie­rung zu erstellen.

Das kann bei simplen Tren­nun­gen anfangen, wie bspw. zu sagen, dass ein neuer Tag beginnt, wenn die Sonne aufgeht oder eine neue Jah­res­zeit beginnt, wenn sich die kli­ma­ti­schen Be­din­gun­gen verändern, bis zu Tren­nun­gen, die man macht durch län­ger­fris­ti­ge­re Be­ob­ach­tun­gen der Him­mels­kör­per.

Jedoch darf man nicht vergessen, dass Stunden, Tage, Monate, Jahre usw. nur Maß­ein­hei­ten sind und sie nicht wirklich exis­tie­ren. Sie exis­tie­ren nur genauso, wie auch Meter, Kilogramm oder Pfund exis­tie­ren. Menschen haben sie er­schaf­fen zur Kom­mu­ni­ka­ti­on und um damit arbeiten zu können, aber es gibt in Wirk­lich­keit keinen Un­ter­schied zwischen gestern und heute, außer, dass es zwi­schen­durch dunkel war. Denn würden wir das ganze aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve be­trach­ten – als ein Be­ob­ach­ter aus dem Weltall – würden wir nur sehen, wie sich die Erde um sich selbst dreht und sich sonst nichts verändert hat und auch kein neuer Abschnitt beginnt.

Zeit als phy­si­ka­li­sche Einheit

Den einzigen Moment, den es gibt, in Ab­schnit­te zu trennen, hilft nicht nur bei der Planung, sondern auch dabei Dinge vor­her­zu­sa­gen, also sie zu berechnen. Somit wurde Zeit zu einem wis­sen­schaft­li­chen Modell.[1] Wissen wir bspw. die Ge­schwin­dig­keit eines Objektes, können wir sagen, in welcher Zeit er eine gewisse Strecke zu­rück­le­gen wird. Durch diese Be­re­chen­bar­keit wurde Zeit plastisch für viele Menschen, sie wurde real.

Doch dürfen wir niemals vergessen, dass Be­re­chen­bar­keit überhaupt einer der Haupt­grün­de für die Er­stel­lung von Modellen ist. Wir haben einen fest­ge­steck­ten Rahmen innerhalb dessen wir agieren und innerhalb dieses Rahmens for­mu­lie­ren wir durch Be­ob­ach­tung gewisse Ge­setz­mä­ßig­kei­ten und mithilfe dieser Ge­setz­mä­ßig­kei­ten können wir vor­her­sa­gen, welche Be­ob­ach­tun­gen wir in Zukunft machen werden – das ist der ganze Sinn hinter Wis­sen­schaft. Doch da Modelle immer nur die Wirk­lich­keit abbilden und nicht die Wirk­lich­keit selbst sind, wird man mit ihr auch immer an seine Grenzen stoßen, z.B. wenn man außerhalb des fest­ge­steck­ten Rahmens schaut. Seit der spe­zi­el­len Re­la­ti­vi­täts­theo­rie wissen wir, dass sich die Zeit nahe der Licht­ge­schwin­dig­keit langsamer bewegt; dass solche un­in­tui­ti­ven und nur ma­the­ma­tisch sinn­vol­len Be­ob­ach­tun­gen machen lassen, liegt allein daran, dass unser Modell der Zeit falsch ist. Genauso wie die Tatsache, dass sich Teilchen auf Quaten-Ebene für uns seltsam verhalten, nicht an der Willkür des Uni­ver­sums liegt, sondern daran, dass unser Atom­mo­dell falsch ist.

Unsere Intuition

Wenn wir unser eigenes Verhalten und unser Denken be­ob­ach­ten, werden wir fest­stel­len, dass wir viele Si­tua­tio­nen so handhaben, als gäbe es keine Zeit. Daniel Kahneman schreibt[2] dazu über sein Erlebnis bei Verdis Oper La Traviata:

Bekannt für ihre hin­­rei­­ßen­­de Musik, ist sie auch eine be­we­gen­­de­ Lie­­be­s­ge­­schich­­te zwischen einem jungen Adligen und Violetta, einer Frau aus der Halbwelt. Der Vater des jungen Mannes sucht Violetta auf und überredet sie dazu, ihren Geliebten auf­­zu­­ge­­ben, um die Ehre der ­Fa­­mi­­lie und die Hei­­rats­chan­cen der Schwester des jungen Mannes zu schützen. In einem Akt höchs­­ter­ Selbst­auf­op­­fe­­rung gibt Violetta vor, auf den Mann, den sie über alles liebt, ver­­zich­­ten zu wollen. Bald ­dar­auf flammt ihre Schwin­d­­sucht (die im 19. Jahr­hun­­­dert ge­­bräu­ch­­li­che Be­zeich­­nung für Tu­ber­ku­­lo­­se) auf. Im letzten Akt liegt Violetta auf dem Ster­be­­bett, umgeben von ein paar Freunden. Als ihr Ge­­lie­b­­ter­ von ihrem Zustand erfährt, eilt er nach Paris, um sie zu sehen. Sobald sie die Nachricht hört, flößen ih­r Hoff­nung und Freude neuen Lebensmut ein; trotzdem ver­­­schlech­­tert sich ihr Zustand rapide.

Ganz egal, wie oft man die Oper gesehen hat, packen einen immer wieder die Spannung und die Furcht des Au­gen­­blicks: Wird der junge Liebhaber rech­t­zei­­tig ein­­tre­f­­fen? Man spürt, dass es für ihn enorm­ wich­tig ist, seine Geliebte noch einmal zu sehen, bevor sie stirbt. Natürlich kommt er rech­t­zei­­tig; ei­ni­ge ­wun­­­der­ba­­re Lie­­be­s­­du­e­t­­te werden gesungen, und nach zehn­­mi­nü­­ti­gem her­r­­li­chem Gesang segnet Vio­letta ­das Zeitliche.

Auf dem Nach­­hau­­se­­weg von der Oper fragte ich mich: Weshalb sind uns diese zehn Minuten so wichtig? Ich erkannte sehr schnell, dass mir die Länge von Violettas Leben völlig egal war. Wenn man mir gesagt hätte, dass sie mit 27 Jahren starb, nicht mit 28, wie ich glaubte, hätte mich die Nachricht, dass sie ein Jahr Le­­ben­s­­glück verpasst hatte, überhaupt nicht berührt. Aber die Mö­g­­li­ch­keit, die letzten zehn ­Mi­­nu­­ten zu versäumen, war von großer Bedeutung. Außerdem hätten sich die Gefühle, die die ­Wie­­der­­ver­­ei­­ni­gung der Geliebten in mir auslösten, nicht verändert, wenn ich erfahren hätte, dass sie statt zehn Minuten eine Woche mit­­ein­an­­der verbracht hätten. Doch wenn der Liebhaber zu spät ge­­kom­­men­ wä­re, wäre La Traviata eine ganz andere Ge­­schich­­te gewesen. Eine Ge­­schich­­te dreht sich um be­­deu­­ten­­de ­Er­ei­g­­nis­­se und den­k­wür­­di­ge Momente, nicht um das Vergehen der Zeit. In einer Ge­­schich­­te ist die ­Ver­­­nach­­läs­­si­gung der Dauer normal, und der Schluss definiert oftmals ihren Charakter.

Dieses Phänomen nennt sich in der Psy­cho­lo­gie Höchst­stand-Ende-Regel[3] und ist auch der Grund dafür, dass Filme mit Happy-End so beliebt sind, denn was zählt ist immer der Moment, der am Ende dabei her­aus­kommt, ganz egal wie lange es gedauert hat da­hin­zu­kom­men. Zeit spielt bei unserer Be­ur­tei­lung darüber keine Rolle, nur das Erlebte. Gerade diese un­be­wuss­ten Prozesse, die in unserer Natur liegen und weder durch mensch­li­che Lehren noch durch So­zia­li­sa­ti­on verändert wurden, zeigen uns ganz deutlich das Wesen der Welt. Durch sie können wir erkennen, ob eine Sache nur men­schen­ge­macht ist und uns nur real vorkommt, weil wir darauf kon­di­tio­niert wurden oder ob sie wirklich existiert – im Falle der Zeit ist es demnach ersteres.


  1. Mehr zu Modellen habe ich in "Die Miss­deu­tung von Wissen" ge­schrie­ben
  2. "Schnelles Denken, langsames Denken", Kapitel 36.
  3. Weitere Beispiele dazu auch in Kapitel 35.