Die Missdeutung von Wissen

17.08.2020

Es entbehrt schon nicht einer gewissen Ironie, dass so viele Leute, die Wis­sen­schaft ro­man­ti­sie­ren und sie für den Weisheit letzter Schluss halten, überhaupt nichts von dem Wesen der Wis­sen­schaft verstehen. Ihre einzige Zu­gangs­quel­le zu der Thematik ist Po­pu­lär­wis­sen­schaft. Aber Po­pu­lär­wis­sen­schaft ist nur populär, weil sie keine Wis­sen­schaft ist.

Vor allem so­ge­nann­te science com­mu­ni­ca­tors erwecken oft den Eindruck, dass Wis­sen­schaft dazu diene, die Welt zu verstehen. Aufbauend auf diesem Irrtum blenden sie die Öf­fent­lich­keit und verkaufen als Bildung verpackte Un­ter­hal­tung als den einzig richtigen und ob­jek­ti­ven Weg die Welt wahr­zu­neh­men. Man bekommt von klein auf gesagt, dass unsere Sinne uns täuschen und man zu irrigen Schlüssen kommen kann, wenn man sich auf sie verlässt.

Wis­sen­schaft war aber niemals dazu gedacht, ein Mittel zu sein, die Welt zu verstehen. Sie wurde dazu nicht ge­schaf­fen und kann auch niemals diese Rolle erfüllen. Die heute weit ver­brei­te­te Vor­stel­lung, dass Wis­sen­schaft und Forschung die Ge­gen­stü­cke zu Religion und Glaube sind, ist nur eine Illusion und eine relativ neue Mo­de­er­schei­nung. Die klügsten Köpfe der vor­mo­der­nen Zeiten wussten, dass Wis­sen­schaft kein Zugang zum Ver­ständ­nis der Welt war, sondern ein Mittel zur Er­stel­lung von Modellen eben­die­ser.

Aufbauend auf diesen Modellen kann man entweder nützliche Werkzeuge erstellen oder Vor­her­sa­gen machen. Ein Modell ist aber per de­fi­ni­tio­nem eine ver­ein­fach­te Form der Realität, nicht die Realität selbst. D.h. man soll sich nur insoweit darauf verlassen, wie es einem nützt, aber man soll nicht denken, dass man die Wirk­lich­keit dahinter versteht. Man versteht das Modell und nicht die Sache, die das Modell abbildet. Die vielen Variablen der wirk­li­chen Sache, die im Modell aufgrund der Ver­ein­fa­chung nicht enthalten sind, sind von ent­schei­den­der Bedeutung und Schlüsse, die man aufgrund der Modelle zieht, werden wegen der ver­nach­läss­ti­gen Variablen immer Ne­ben­ef­fek­te haben, mit denen man nicht rechnet.

All models are wrong, but some are useful.
– George E. P. Box

Diese Methodik, mit Modellen zu arbeiten, statt mit der Wirk­lich­keit, ist nicht exklusiv wis­sen­schaft­lich, sondern die Grundlage der mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on und alter Weis­hei­ten. Wenn man etwas erlebt und das Erlebte dann einem anderen wei­ter­erzählt, so bekommt der andere nur ein Abbild davon; also, das was wirklich passiert ist, abzüglich vieler Variablen, die im Spiel waren und du auch wahr­ge­nom­men hast, die aber beim Erzählen ver­nach­läs­sigt werden.
Das klas­si­sche Bild eines Schülers, der seinem Meister um Rat fragt und der Meister, statt direkt zu antworten, eine weise Anekdote erzählt, aus dem der Schüler selbst die Antwort her­aus­fil­tern soll, ist eine De­mons­tra­ti­on für ein Modell für die Meinung des Meisters. Ebenso sind Sagen, Märchen und alte Er­zäh­lun­gen, die dem Leser oder der Leserin eine Lehre mitgeben sollen, eine Er­schei­nungs­form derselben Sache – Die Ge­schich­ten sind Modelle der Botschaft.
Auch diese Beispiele, die ich gerade gebe, sind nichts anderes als Modelle für das, was ich sagen will.

Nur nennt man sie außerhalb des wis­sen­schaft­li­chen Kontextes nicht Modelle, sondern Beispiele und Analogien. Oder Ge­schich­ten und Anekdoten. Oder Sagen und Märchen. Je nachdem, in welchem Bereich man sich befindet, hat es eine andere Be­zeich­nung, aber es ist eine andere Form derselben Sache. Was ein Modell für die Wis­sen­schaft ist, ist eine Analogie für die Sprache.

Die Denkweise der ver­schie­de­nen Modelle sind je nach Kategorie un­ter­schied­lich – ob induktiv, deduktiv, syl­lo­gis­tisch etc. Ebenfalls sind die Ansprüche daran abhängig von der Kategorie. Während alte Er­zäh­lun­gen möglichst ori­gi­nal­treu und un­ver­än­dert wei­ter­ge­ge­ben werden – heute in Form der Schrift, früher über tausende Jahre mündlich von Ge­nera­ti­on zu Ge­nera­ti­on – haben wis­sen­schaft­li­che Modelle den Anspruch sich immer zu verändern. Die Ver­än­de­rung ist Teil des Systems und wird Fort­schritt genannt. Man darf aber nicht dem Irrtum erliegen, zu glauben, dass ir­gend­wann die Reise ein Ende hat und man auf diese Weise tat­säch­lich die Wirk­lich­keit erkunden kann.

Wis­sen­schaft ist Irrtum auf den letzten Stand gebracht.
– Linus Pauling

Wem dem nicht so wäre, müssten Physiker die weisesten Menschen der Welt sein. Und ich denke nicht, dass mir ir­gend­je­mand wi­der­spre­chen würde, wenn ich sage, dass es nicht weiter von der Realität entfernt sein könnte. Wis­sen­schaft­ler bis ins 20. Jahr­hun­dert hinein, die man tat­säch­lich als weise oder in­spi­rie­rend be­trach­ten könnte, hatten ihre Weisheit nicht durch die vernarrte Erhebung ihres Fachs, sondern durch ihr me­ta­phy­si­sches Ver­ständ­nis und ihrer rea­lis­ti­schen Vor­stel­lung über die Rolle der Wis­sen­schaft. Das sind Dinge, die um und nach dem 2. Weltkrieg leider wei­tes­ge­hend ver­lo­ren­ge­gan­gen sind.