Erinnerungspolitik verbessern

07.02.2021

Man kann in den Nach­rich­ten immer wieder davon hören, dass in Deutsch­land und anderen eu­ro­päi­schen Ländern und generell überall auf der Welt ex­tre­mis­ti­sche Kräfte immer weiter zunehmen und populärer werden. Was eine komische Meldung ist, denn Deutsch­land wird da in einem Atemzug mit allen anderen Ländern genannt. Dabei hat Deutsch­land mit die wahr­schein­lichs aus­ge­präg­tes­te Er­in­ne­rungs­kul­tur der Welt, sie ist in­te­gra­ler Be­stand­teil der Bildung und der Me­di­en­land­schaft. Heißt das, diese Kultur, mit der mitt­ler­wei­le mehrere Ge­nera­tio­nen auf­ge­wach­sen sind, hatte überhaupt keine Wirkung, wenn wir genauso dastehen wie alle anderen Länder, die keine Er­in­ne­rungs­po­li­tik auf diesem Level haben?

Die Antwort ist: doch, sie hatte eine Wirkung. Doch die Er­in­ne­rungs­kul­tur besteht aus zwei Kom­po­nen­ten: 1. sich an die schreck­li­chen Taten der Ver­gan­gen­heit zu erinnern und ihrer Opfer zu gedenken und 2. daraus zu lernen und so etwas niemals zu wie­der­ho­len. Was aber beim zweiten Punkt nicht beachtet wurde ist die schiere Be­schränkt­heit der Menschen.

Einer der Mängel der zweiten Kom­po­nen­te ist, dass viel zu viel Gewicht auf das wer und was gelegt wird und nicht auf das wie. Dass Taten un­trenn­bar mit gewissen Personen, Parteien und po­li­ti­schen Rich­tun­gen verbunden werden, statt die Methoden dieser zu be­leuch­ten, die auch von jedem anderen hätten an­ge­wen­det werden können. Das Ziel davon, etwas niemals wieder geschehen zu lassen, besteht nicht darin, dass es nur für eine spe­zi­fi­sche po­li­ti­sche Richtung gilt, sondern dass es für absolut jede po­li­ti­sche Richtung gilt.

Für einen Normalo bedeutet Po­li­tik­ver­ständ­nis lediglich, dass es gewisse Schlag­wör­ter gibt, die er mit einer Wertung as­so­zi­iert, meist eine emo­tio­na­le Wertung. Hört er politisch geladene Wörter wie "So­zia­lis­mus", "Rassismus", "Pa­tri­ar­chat" etc., wird in ihm au­to­ma­tisch eine Emotion ausgelöst – positiv oder negativ – die durch Medien oder anderen ein­fluss­rei­chen Leuten in seinem Leben für ihn pro­gram­miert wurden. Diese kon­di­tio­nier­te Denkweise mit As­so­zia­tio­nen ist sein einziger Zugang zu Politik und so sieht er die Welt.

Wenn dieser Mensch nun sein ganzes Leben lang gesagt bekommt "Partei X hat Y getan" und "X ist Schuld an Y und demnach ist das Weltbild von X Ursache", dann kann er nicht anders als eine un­trenn­ba­re As­so­zia­ti­on zwischen diesen Dingen her­zu­stel­len. Jetzt könnte ein Politiker kommen, der ebenfalls für jeden er­sicht­lich Y machen will, aber der Normalo würde das nicht merken, solange der Politiker nur ein einziges Indiz gibt, dass er nicht das gleiche Weltbild wie X hat – schon würde die ganze As­so­zia­ti­ons­ket­te zu­sam­men­bre­chen.

Das ist der Grund wieso z.B. neue rechte Be­we­gun­gen offen Pro-Israel auftreten und sich ent­schie­den gegen Na­tio­nal­so­zia­lis­mus aus­spre­chen. All die negativen Dinge, die der Normalo bisher gelernt hat mit den Nazis zu verbinden, werden für ihn absolut keine Ver­bin­dung zu neuen Rechten haben, da diese ja keine Nazis sind. Dass die dar­un­ter­lie­gen­den Denk­wei­sen oder Agi­ta­ti­ons­me­tho­den die gleichen sind, ist für ihn zweit­ran­gig, da er nur in Schlag­wor­ten denken kann.

Das sollte bei der Er­in­ne­rungs­po­li­tik immer bedacht werden, zumindest für die zweite Kom­po­nen­te sollte nicht so viel Fokus auf Schlag­wor­te gelegt werden, sondern auf die Umstände und die Wege, wie diese aus­ge­nutzt wurden. Man sollte sich vor Augen führen, dass sehr viele Menschen nicht auf solche Weisen denken können und deswegen das immer wieder un­ter­strei­chen.

Die Devise sollte lauten, Weg von Worten, hin zur Bedeutung. Dieser starke Fokus auf Worte wird in vielerlei Weisen aus­ge­nutzt. Bei­spiels­wei­se versuchen neue Rechte seit Jahren schon die Nazis in das linke Lager zu schieben, weil es heißt ja "Nationalso­zia­lis­mus" und So­zia­lis­mus ist links! Es wird aus­ge­nutzt, dass Menschen mehr auf die ober­fläch­li­che Be­zeich­nung achten, als auf den Kern. Fragt sich nur, wann die ersten Fa­schis­ten auf die Idee kommen Nordkorea als ein Beispiel für schlechte De­mo­kra­tie zu nehmen... weil es heißt ja De­mo­kra­ti­sche Volks­re­pu­blik Korea.