Essen mit Händen

07.08.2020

Dass es bei Essen nicht nur auf den Geschmack ankommt, ist uns schon lange bekannt. Sprich­wör­ter wie "Das Auge isst mit" oder auch die Tatsache, dass man sich die Nase zuhält, wenn man versucht etwas Un­ge­nieß­ba­res her­un­ter­zu­be­kom­men, belegen, dass wir Essen durch viele Sinne aufnehmen, nicht nur durch den Ge­schmacks­sinn. Ich behaupte aber, dass höchst­wahr­schein­lich alle Sinne dabei eine Rolle spielen. Vor allem ein Sinn, der in dem Zu­sam­men­hang kaum genannt wird: die Haptik.

Wir haben viele Millionen Jahre aus­schließ­lich mit unseren Händen gegessen. Messer und Gabel als Er­wei­te­rung unseres Körpers gab es die meiste Zeit in unserer Ent­wick­lungs­ge­schich­te gar nicht. Essen bedeutete das Essen zu berühren – es war ein in­te­gra­ler Be­stand­teil der Erfahrung der Nah­rungs­auf­nah­me.

Heute, wo es zu den guten Manieren gehört, dass man zu Hause Besteck benutzt – also von seiner Nahrung getrennt wird – ist Fast Food beliebter denn je. An jeder Ecke gibt es Läden, die einem Essen auf die Hand geben. Die meisten Menschen denken, die Be­liebt­heit kommt vom Geschmack oder davon, dass es schnell geht. Aber ich denke, Ge­schwin­dig­keit spielt eine un­ter­ge­or­de­ne­te Rolle. Oft wollen sich die Leute hinsetzen und in aller Ruhe essen. Es geht viel mehr darum, dass es hier ge­sell­schaft­lich konform ist, dass sie ihre Nahrung ertasten und mit den Händen zu Mund führen können.

Fast Food ist eine gute De­mons­tra­ti­on davon, wie sehr uns unsere Ur­instink­te immer noch lenken. Ich glaube, die Be­liebt­heit davon würde rapide abnehmen, wenn es plötzlich hieße, es wäre un­zi­vi­li­siert oder zu­rück­ge­blie­ben, wenn man es ohne Besteck isst. Oder wenn man umgekehrt Tisch­ma­nie­ren allgemein abschafft und es als völlig normal etabliert, dass überall mit den Händen gegessen wird.

Die Be­liebt­heit von Fast Food ist also sehr wahr­schein­lich nichts weiter als eine Kom­pen­sa­ti­on für die Ver­brei­tung von Tisch­ma­nie­ren. Nun ist das natürlich nicht leicht zu beweisen. Man könnte sicher gewisse Settings für wis­sen­schaft­li­che Un­ter­su­chun­gen schaffen, passende Methoden anwenden und die Er­geb­nis­se dann auswerten. Wie aus­sa­ge­kräf­tig es dann wäre, weiß ich nicht. Am er­folg­reichs­ten wäre so ein Test aber wahr­schein­lich in einer dys­to­pi­schen Welt, in der der Staats­ap­pa­rat sich mit der Zeit ver­än­dern­de Gebote und Verbote vorgibt und schaut, in welche Richtung es sich ent­wi­ckelt.