Etwas aus dem Nichts

05.09.2020

Egal wie viele Jahre ich schon Debatten zwischen Ver­tre­tern einer Religion und Atheisten verfolge, immer wieder kommt von re­li­giö­ser Seite das Argument auf, dass wenn es einen Urknall gab, es auch einen Gott geben muss. Denn alles was entsteht, braucht eine Ursache und wenn man ganz an den Anfang der Zeit geht, dann braucht die erste Sache, die ent­stan­den ist, eine über­na­tür­li­che Ursache, da es gegen geltende phy­si­ka­li­sche Gesetze verstoßen müsste, um aus dem Nichts zu entstehen. Und diese Ursache, die das Etwas aus dem Nichts erschafft, sei dann Gott.
Abgesehen davon, dass es dann nicht mehr "Etwas aus dem Nichts" wäre, wenn Gott die Ursache war, da wenn ein Gott existiert, es ja etwas gab und nicht nichts – das aber nur am Rande – ist dieses Konzept von Nichts rein hy­po­the­tisch und sogar viel­leicht fiktional. Es ist sehr na­he­lie­gend, dass es schon immer Etwas gab und noch nie einen Zustand des Nichts.

Aber selbst wenn es schon mal ein Nichts gab, selbst wenn das Universum einmal in dem Zustand des absoluten Nichts war, ergibt dieses Argument keinen Sinn. Denn "Nichts" bedeutet: keine Materie, keine Energie (in welcher Form auch immer), ja noch nicht mal Raum und Zeit... einfach nichts. Also auch keine phy­si­ka­li­schen Gesetze. Es gab kein Gesetz, das gesagt hat, dass aus dem Nichts nicht etwas entstehen kann. Denn wenn es das gäbe, dann gäbe es ja etwas – und wäre somit nicht mehr Nichts. Und da es dieses Gesetz nicht gab, ist eben aus dem Nichts etwas enstanden.

Man sollte sich auch vor Augen führen, dass dieses Schein­ar­gu­ment auf den En­er­gie­er­hal­tungs­satz zu­rück­zu­füh­ren ist: dass Energie nicht er­schaf­fen oder ver­nich­tet, sondern nur in ver­schie­de­ne Formen um­ge­wan­delt werden kann. In einem Universum aber, in dem es keine Energie gibt, gibt es auch keinen En­er­gie­er­hal­tungs­satz. Denn Gesetze sind Ei­gen­schaf­ten von Dingen, nicht al­lein­ste­hen­de Dinge. Genauso gab es keine Men­schen­rech­te, bevor es Menschen gab. Erst kommen die Dinge, dann die Gesetze.

So oder so, wenn das Universum einmal in einem Zustand des absoluten Nichts war und daher nichts es zu­rück­hält etwas zu er­schaf­fen, wäre der Moment, in dem das erste Etwas er­schaf­fen wird, gleich­zei­tig die Geburt des Uni­ver­sums. Es kann davor auch keine Zeit gegeben haben. Man kann also nicht sagen, dass Nichts hat eine Million oder eine Milliarde Jahre oder auch nur einen Bruchteil einer Sekunde gedauert, Zeit war kein Faktor. Deswegen werden wir endlos in die Zeit zu­rück­ge­hen können und es hat immer etwas gegeben. Angemerkt sei hier, dass wenn ich vom Universum rede, nicht das Be­ob­acht­ba­re Universum meine, das vor rund 14 Mil­li­ar­den Jahren mit dem Urknall an­ge­fan­gen hat, sondern das gesamte All, also auch der "Raum" in dem das Be­ob­acht­ba­re Universum sich befindet, unendlich nach allen Rich­tun­gen.

Von diesem gesamten All, das sich in seiner Dimension, aber auch in seinem Wesen, unserer Vor­stel­lungs­kraft entzieht, kann nicht behauptet werden, dass es "früher" oder "später" das erste Etwas er­schaf­fen hat, da es wie gesagt im Moment der Er­schaf­fung keine Zeit gab. Also kann man immer weiter zu­rück­ge­hen und findet keinen Grund, warum nicht da schon das Etwas existiert haben soll. Mit jedem ite­ra­ti­ven Schritt, den man zu­rück­geht, stellt man fest, dass es da ja schon etwas geben muss, weil wenn man plötzlich auf das Nichts stößt, würde es das Konzept des Nichts ad absurdum führen – wieso existiert das Nichts einfach so, ohne etwas zu er­schaf­fen? Wenn es in einem Moment nichts erschafft, kann es das nicht im nächsten Moment plötzlich tun, da es keine Momente gibt... Deswegen kann der Anfang des Uni­ver­sums nur unendlich in der Ver­gan­gen­heit liegen.

Das ist der Grund, warum es schon immer Etwas gab.