Extremer eliminativer Materialismus

31.12.2020

Vor einiger Zeit bin ich auf einen Thread gestoßen, in dem es um den extremen eli­mi­na­ti­ven Ma­te­ria­lis­mus (EEM) ging. In Kürze, es ist eine phi­lo­so­phi­sche Richtung, die sich der User erdacht hat und auf dem eli­mi­na­ti­ven Ma­te­ria­lis­mus aufbaut, bei dem es darum geht, dass mentale order psy­cho­lo­gi­sche Zustände nicht wirklich real sind, sondern uns nur so vorkommen. Im Gegensatz dazu geht der EEM aber einen Schritt weiter und überträgt diesen Gedanken auf das Leben und das Sein an sich.

Dadurch, dass wir letzten Endes nur aus Atomen und sub­ato­ma­ren Teilchen bestehen, wird behauptet, dass es keinen fun­da­men­ta­len oder me­ta­phy­si­schen Un­ter­schied gibt zwischen Lebewesen und Dingen, die nicht lebendig sind. Du als Mensch bestehst aus den gleichen Elementen aus denen auch Kristalle bestehen, nur sind sie bei dir anders an­ge­ord­net, wodurch ein anderes Ergebnis zustande kommt, aber dieses Ergebnis ist nur eine Er­schei­nung. Dinge, die wir Lebewesen zu­schrei­ben, wie zum Beispiel die Fähigkeit sich zu re­pro­du­zie­ren, treten auch bei nicht­le­ben­di­gen Struk­tu­ren auf, genannt Au­to­ka­ta­ly­se. Wir als Menschen sollen demnach eine große An­samm­lung von Au­to­ka­ta­ly­sa­to­ren sein; wir sind ein System von Systemen von Systemen usw. Durch die schiere Kom­ple­xi­tät, in der sich die Atome an­ge­ord­net haben, entsteht Er­schei­nun­gen wie Be­wusst­sein. Sie sind aber nicht tat­säch­lich real, sondern nur der Anordnung der Teilchen ge­schul­det. Dass sie sich so geordnet haben, hat keinen tieferen Grund, genauso wie es keinen tieferen Grund hat, wieso die Erde sich um die Sonne dreht. Es passiert einfach, weil es phy­si­ka­li­sche Gesetze sind, weil ir­gend­wann einmal ein simpler che­mi­scher Prozess irgendwo auf der Welt begann (durch Va­ku­um­fluk­tua­ti­on), sich immer weiter aus­brei­te­te und niemand ihn auf­ge­hal­ten hat.

So gesehen hat das Leben also keinen Sinn, außer dass es eine besondere atomare Ordnung ist. Besonders in dem Sinne, dass es diese Er­schei­nun­gen be­güns­tigt. Demnach werden auch alle Phi­lo­so­phi­en und Re­li­gio­nen dieser Welt be­deu­tungs­los.

Als ich die Ideen zum ersten Mal durchlas, musste ich sofort an die Buch­sta­ben­ana­lo­gie denken. Der User hat hier einen beliebten Denk­feh­ler gemacht, den Leute gerne machen, die behaupten, dass es nur Materie gäbe und sonst nichts. Und zwar, dass sie Emergenz komplett igno­rie­ren.

Zwar stimmt die Prämisse, dass wir im Kleinen aus Atomen bestehen, aber wenn die Atome sich zu gewissen Struk­tu­ren zu­sam­men­schlie­ßen, dann ist der Zu­sam­men­schluss mehr als nur die Summe ihrer Ein­zel­tei­le. Die Atome bilden dann eine neue Ebene, die für sich steht und real ist. Genauso wie das Wort "Raum" aus den Buch­sta­ben "R", "a", "u" und "m" gebildet wird, aber dennoch als Wort real und mehr als die Anordnung seiner Buch­sta­ben ist. Diese Wortebene kann nicht einfach ignoriert oder re­la­ti­viert werden. Ebenso sind Moleküle mehr als nur die Summe von Atomen und Zellen sind mehr als die Summe von Molekülen. Wenn Zellen sich zu­sam­men­schlie­ßen zu Organen und Lebewesen, sind auch sie mehr als ihre Ein­zel­tei­le. Be­wusst­sein ist nicht nur eine Er­schei­nung, die auftritt, weil sich Ge­hirn­zel­len auf eine gewisse Weise ar­ran­giert haben bzw. hat dieses Ar­ran­ge­ment etwas neues er­schaf­fen, das real ist und nicht nur eine Er­schei­nung. Staaten sind auch nicht nur eine Zu­sam­men­kunft von Menschen und In­sti­tu­tio­nen, sondern bilden ihre eigene Einheit.

Dass dem so ist, kann man auch an einem Phänomen be­ob­ach­ten, das ich Per­mu­ta­ti­ons­prin­zip nenne und über das ich bisher noch nie ge­schrie­ben habe, auch nicht in dem Post über die Buch­sta­ben­ana­lo­gie. Es ist die einfache Be­ob­ach­tung, dass sobald eine neue Ebene entsteht, die Elemente, die diese Ebene bilden, etwas an Relevanz verlieren. Und je mehr Ebenen darüber gebildet werden, desto mehr an Relevanz verlieren die Elemente der unteren Ebenen. Wir als Menschen z.B. sind auf atomarer Ebene ständiger Ver­än­de­rung aus­ge­setzt, genauso wie auf zel­lu­lä­rer Ebene, aber das ändert uns nicht als Person. Genauso ändert es nichts an Ge­sell­schaf­ten, wenn einzelne Menschen, die die Ge­sell­schaf­ten ausmachen sterben oder neue hin­zu­kom­men. Es müssen erst wirklich größere Ver­än­de­run­gen statt­fin­den, damit es einen merk­li­chen Einfluss auf die oberen Ebenen hat.

Das gleiche können wir auch in der Buch­sta­ben­ana­lo­gie be­ob­ach­ten. Angeführt hierbei sei das bekannte Beispiel, dass es nicht wichtig ist, dass die Buch­sta­ben immer richtig an­ge­ord­net sind, um die Wörter lesen zu können: "Gmäeß eneir Sutide eneir Uvi­nis­te­rät, ist es nchit witihcg, in wlecehr Rne­flog­heie die Bsta­chu­ebn in eneim Wort snid, das ezniige was wcthiig ist, das der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiin snid." Wären Wörter nicht real, sondern nur eine Illusion, die durch eine bestimmte Anordnung von Buch­sta­ben erzeugt wird, so dürften sie nicht exis­tie­ren, wenn sich diese Anordnung wie in dem Beispiel ändert. Und wären Sätze nicht real, sondern nicht mehr als die Anordnung von Wörtern, so würden sie keinen Sinn ergeben müssen, wenn ein un­be­kann­tes Wort darin vorkommt, doch wir wissen, dass man die Bedeutung von Wörtern oft aus dem Ge­sammt­zu­sam­men­hang er­schlie­ßen kann.