Hirnentwicklung und Reife

25.06.2021

Reife und Alter gehen unserer Be­ob­ach­tung nach Hand in Hand, deswegen wird ein kausaler Zu­sam­men­hang zwischen Alter und Hirn­ent­wick­lung her­ge­stellt. Doch das Alter – eine Zahl – be­ein­flusst ja nicht deine Reife. Wenn du im Kin­des­al­ter in einen Raum gesperrt wirst und nie wieder neuen Dingen ausgesezt wirst, wird als Er­wach­se­ner dein geistiges Alter dem deiner Al­ters­ge­nos­sen ent­spre­chen? Wohl kaum.

Man weiß, dass das Gehirn sich nie aufhört zu ent­wi­ckeln und der Grund, wieso er in früheren Stadien größere Strecken zu­rück­legt, wird der sein, dass sich da die Umstände auch auf tief­grei­fen­de­re Art verändern. Nicht nur lernt man im jungen Alter öfter und mehr neues, man tritt auch öfter in neue Ab­schnit­te. Der erste Job ist ein größerer Ein­schnitt, als der vierte Job­wech­sel. Zum ersten Mal in die Schule, zum ersten Mal die Schule beenden, zum ersten Mal die eigene Wohnung, das erste Kind etc. Jedes dieser Ver­än­de­run­gen hat ein größere Wirkung auf das Gehirn. Deswegen haben junge Leute beim Rückblick öfter als ältere Menschen das Gefühl, dass sie vor einigen Jahren unreif waren. Denn je größer der Wandel von dem einen Stadium zum anderen, desto mehr wird dir dein altes Ich unreif oder naiv vorkommen.

Fragt man bei­spiels­wei­se einen 50-Jährigen, der eine größere Ver­än­de­rung gemacht hat, wie einen neuen Glauben annehmen, wird er im Rückblick sein 45-jähriges Ich als noch naiv oder unreif be­zeich­nen. Aber war er das wirklich? Nein. Es ist eine Illusion, die bei der Ent­wick­lung des Gehirns entsteht. Und diese Ent­wick­lung tritt in der Regel am häu­figs­ten im jungen Alter auf, sie hat aber keine inhärente Ver­bin­dung zum Alter. Diese falsche As­so­zia­ti­on nenne ich deshalb Alter-Reife-Fehl­schluss.