Irrtümer über Geld

27.07.2020

Ich habe mir in letzter Zeit öfter Gedanken um Geld gemacht. Und nicht zwar um das konkrete Geld­ver­die­nen, sondern mehr um das Wesen des Geldes. Ich bin nun kein Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und daher weiß ich nicht, ob diese Über­le­gun­gen 100% richtig sind, ob an ihnen etwas richtiges dran sind oder ob es alles kom­plet­ter Quatsch ist. Ebenso kann es sein, dass es völlig bekannte Ideen sind, die jeder Wirt­schafts­stu­dent an der Uni lernt. Dennoch möchte ich sie hier fest­hal­ten.

Aus­ge­gan­gen bin ich hierbei nach den falschen Schlüssen, die wir zum Thema Geld ziehen aufgrund von falschen Vor­stel­lun­gen und Modellen, die wir dazu haben. Das teilt sich ei­ner­seits in einem falschen Ge­sell­schafts­mo­dell und an­de­rer­seits in die falsche Vor­stel­lung über die Rolle des Geldes.

1. Das falsche Ge­sell­schafts­mo­dell

Wenn wir Menschen aufgrund von ihrem Besitz oder ihrem Einkommen in ver­schie­de­ne Gruppen aufteilen, neigen wir dazu, sie in die drei Gruppen ein­zu­tei­len: Un­ter­schicht, Mit­tel­schicht und Ober­schicht. Wo man die Grenzen zwischen den ver­schie­de­nen Schichten zieht, ist Aus­le­gungs­sa­che und es gibt keine ein­stim­mi­gen Zahlen. Man hat aber gewisse Vor­stel­lun­gen davon. Menschen, die am Exis­tenz­mi­ni­mum leben, gerade so über die Runden kommen und sich außer grund­le­gen­de Le­bens­si­che­rung nicht viel mehr leisten können, zählt man zu der unteren Schicht. Menschen, die pro­blem­los über die Runden kommen und am Ende des Monats genug Geld haben, um es zur Seite zu legen oder sich zu­sätz­li­chen Luxus zu leisten, gehören zur Mit­tel­schicht. Menschen, die sehr viel mehr verdienen und es sich leisten könnten, von allem das teuerste und beste zu kaufen, zählen zur Ober­schicht.

Es ist ein sehr einfaches Modell und für viele ihre grund­le­gen­de Struktur, wenn sie auf die Ge­sell­schaft, die Wirt­schaft, die Karriere usw. gucken. Wenn jemand den Wunsch hat auf­zu­stei­gen, hat er oder sie oft diese Vor­stel­lung im Kopf. Wenn man plötzlich mehr verdient, um von den meisten offiziell zu einer höheren Schicht gezählt zu werden, hat man "es geschafft".

Ich nenne diese Struktur jedoch das Modell des kleinen Mannes. Es hat jenseits eines gewissen Ein­kom­mens keine Bedeutung mehr und ich bezweifle sehr stark, dass wirklich ver­mö­gen­de Menschen in solchen Struk­tu­ren denken. Das Problem damit ist, dass jemand der 2.000 Euro Netto im Monat verdient zu einer anderen Schicht zählt, als jemand der 10.000 Euro verdient. Jemand, der 10.000 Euro verdient zählt zu einer anderen Schicht als jemand, der 10 Millionen Euro verdient. Be­zie­hungs­wei­se ist derjenige mit 10 Millionen Euro oft nicht mal mehr Teil von ir­gend­ei­ner Schicht, sondern er gehört zu einer vagen Gruppe der Reichen oder Mil­lio­nä­ren bzw. Mul­ti­mil­lio­nä­ren. Jemand, der 20 Mil­li­ar­den Euro hat, zählt zu der gleichen Gruppe wie jemand, der 50 Mil­li­ar­den Euro hat, obwohl der Abstand zwischen 2.000 Euro und 20 Mil­li­ar­den kleiner ist, als zwischen 20 Mil­li­ar­den und 50 Mil­li­ar­den.

Wenn man die Summen immer weiter ver­grö­ßert, merkt man, dass es keinen Sinn mehr ergibt, Menschen in so grobe Gruppen zu stecken, sondern man muss jeden einzelnen als seinen eigenen Kno­ten­punkt be­trach­ten. Man würde nicht auf die Idee kommen die Ent­schei­dun­gen und In­ves­ti­tio­nen eines su­per­rei­chen CEOs mit denen eines anderen su­per­rei­chen CEOs zu vermengen – jede und jeder steht für sich selbst. Wenn man dies auf die gesamte Ge­sell­schaft überträgt, hat man ein riesiges Netzwerk mit Mil­li­ar­den und Aber­mil­li­ar­den Kno­ten­punk­ten, die alle irgendwie mit­ein­an­der verknüpft sind.

Dieses Netzwerk ist nichts anderes als die Wirt­schaft. Jeder einzelne Mensch, der in ir­gend­ei­ner Weise etwas kauft oder verkauft, ist au­to­ma­tisch ein Kno­ten­punkt.

Nun ist die Grafik natürlich extrem ver­ein­facht. Die Punkte sind in der Realität nicht nur so ein­di­men­sio­nal mit­ein­an­der verknüpft, aber aufgrund der Ver­an­schau­li­chung habe ich es so her­un­ter­ge­bro­chen.

Jeder Kno­ten­punkt hat Ein- und einen Ausgänge. Das stellt die Einkommen und die Ausgaben dar. Je mehr Einkommen oder Ausgaben jemand hat, desto dicker sind die Bahnen und desto größer sind die Kreise dar­ge­stellt. Wie man sieht, gleichen sich die Summe aller In- und Output-Bahnen eines Kno­ten­punk­tes in ihrer Breite ungefähr. Das habe ich so gemacht, weil ich glaube, dass es ein Gleich­ge­wicht zwischen ihnen geben muss. Wenn man mehrere Millionen Euro verdient, aber die Ausgaben so sind, als ob man 1.000 Euro Netto im Monat verdient, dann wäre es ein extremes Un­gleich­ge­wicht und das Netzwerk würde den Input nach unten re­gu­lie­ren oder den Output zwangs­wei­se nach oben treiben. Was der Output ist – ob per­sön­li­che Ausgaben, In­ves­tio­nen, Bezahlung von Personal etc. – ist erstmal gleich­gül­tig; Haupt­sa­che, es geht Geld raus.

Geld will im Prinzip fließen. Je mehr Geld durch einen Kno­ten­punkt fließen kann, desto mehr wird dieser Punkt bevorzugt. Das bedeutet im Um­kehr­schluss auch, dass niemand Geld besitzt. Das Geld, was man als Besitz empfindet, ist nichts anderes als ein Schnapp­schuss des Durch­flie­ßens durch einen. So als würde man ein Foto von einem Fluss machen und sagen, dass das Wasser an einer ganz be­stimm­ten Stelle dieser Stelle gehört. Das ist nur eine Illusion, weil im nächsten Moment ist das Wasser schon wei­ter­ge­zo­gen. Und je breiter der Fluss an dieser Stelle ist, desto mehr Wasser erlaubt sie dort zu fließen. Die Stelle ist also zu jeder gegebenen Zeit reicher an Wasser.

2. Die falsche Vor­stel­lung über die Rolle des Geldes

Die Frage, die sich aus der vor­he­ri­gen Über­le­gung ergibt, ist: "Wie schafft man es als Kno­ten­punkt mehr Geld durch sich hin­durch­flie­ßen zu lassen?". Dazu muss man schauen, was Geld ei­gent­lich ist oder womit es in Relation steht.

Wir stellen uns oft vor, dass Geld ein Tausch­mit­tel ist und je wert­vol­ler die Dienst­lei­tung oder der Ge­gen­stand ist, gegen desto mehr Geld kann es getauscht werden. Das heißt: Geld = Wert. Ich halte diese Theorie aber für falsch und sehr ir­re­füh­rend.

Wieso Geld nicht als normales Tausch­mit­tel be­trach­tet werden kann:
(a) Wenn ich meinen Ku­gel­schrei­ber gegen deinen Bleistift tausche, dann weil wir jeweils die Ge­gen­stän­de des anderen brauchen. Weder der Ku­gel­schrei­ber, noch der Bleistift wurden er­schaf­fen, um als Tausch­mit­tel zu fungieren. Sie erfüllen eine ganz bestimmte Funktion und könnten von Her­stel­lung bis Ver­nich­tung auch nie getauscht werden und es wäre völlig in Ordnung. So gesehen hat alles auch au­to­ma­tisch die Rolle eines Tausch­mit­tels inne, es ist keine besondere Ei­gen­schaft. Geld hat aber keine besondere Funktion, es wurde nur ge­schaf­fen, um von der einen Person zu der anderen zu wandern – also zu fließen. Nun mag es erstmal wie Wort­klau­be­rei er­schei­nen, dass man es als "Fließ­mit­tel" be­zeich­net, statt als Tausch­mit­tel, aber es ist in meinen Augen dennoch ein Un­ter­schied, denn
(b) Geld lässt sich nicht mit den Dingen ver­glei­chen, gegen die es au­gen­schein­lich getauscht wird. Es ist ein sehr abs­trak­tes Konzept, dass den Anschein erweckt, als wäre es materiell und deswegen ver­gleich­bar und tauschbar mit Ma­te­ri­el­lem. Aber allein die Tatsache, dass es negatives Geld geben kann, zeigt, dass Geld nicht von dieser Welt ist bzw. dass es nicht im Bereich des Greif­ba­ren ist. Geld ist ein re­al­ge­wor­de­nes abs­trak­tes Konzept, das nur für und durch sich selbst existiert.

Um es genauer zu be­schrei­ben: Wenn man irgendwo an­ge­stellt ist und am Ende des Monats sein Gehalt bekommt, dann wird der- oder diejenige das Gefühl haben, dass es eine Bezahlung ist für die Arbeit, die er oder sie die letzten Wochen in das Un­ter­neh­men gesteckt hat. Das ist aber nur bedingt richtig. Der Gehalt ist nicht der Tausch­wert für deine Leistung oder deine Arbeit, sondern für das Geld, das du dem Un­ter­neh­men gemacht hast. Das ist ganz wichtig zu un­ter­schei­den, denn die meisten würden die eigene Arbeit synonym verwenden mit dem Umsatz, den man für den Ar­beit­ge­ber gemacht hat. Wenn man das aber tut, dann läuft man in die Falle auf die eine Seite der Waage Geld zu legen und auf die andere Seite etwas anderes, wie Arbeit. Geld kann aber mit nichts auf­ge­wo­gen werden, sie spielen nicht auf der gleichen Ebene. Geld kann NUR mit Geld getauscht werden.

Wenn dem nicht so wäre, wenn Geld tat­säch­lich mit etwas anderem getauscht werden könnte, dann würde mehr Leistung mehr Geld bedeuten. Dann würde jemand mit 10.000 Euro Gehalt zehnmal so viel leisten wie jemand mit 1.000 Euro. Selbst wenn es sogar in einzelnen Fällen tat­säch­lich so ist, gibt es eine Grenze für Leistung. Jeder Mensch hat nur 24 Stunden am Tag. Davon muss man einige Stunden schlafen, einige Stunden sich um private Dinge kümmern etc. Diese Be­gren­zung der möglichen po­ten­ti­el­len Arbeit macht es unmöglich eine un­ver­hält­nis­mä­ßi­ge Menge an Vermögen zu verdienen. Wir wissen aber, dass Menschen das erreichen.

Und das erreichen sie, indem sie Geld gegen Geld tauschen.

Was bedeutet das konkret? Es bedeutet in der realen Welt, dass jemand Geschäfte betreibt – d.h. durch ihn oder sie verdienen Menschen Geld. Je mehr Geld durch ihn oder sie verdient wird, desto mehr Geld verdient er oder sie selbst. Jemand mit 100 Mit­ar­bei­tern und 20 Ge­schäfts­part­nern hat ein Un­ter­neh­men, das in der Regel mehr wert ist, als jemand mit 10 Mit­ar­bei­tern und 2 Ge­schäfts­part­nern. Dadurch, dass jemand also einen Weg gefunden hat, wie andere Menschen mehr Geld machen, bekommt er selber mehr Geld. Es ist ein Tausch von Geld gegen Geld. Es ist der Ausgleich des In- und Outputs eines Kno­ten­punkts.

Das ist selbst wahr bei Ge­schäf­ten, bei denen man es auf dem ersten Blick nicht be­ob­ach­ten kann. Selbst wenn ich ein einzelner Kaufmann bin und keinen einzigen An­ge­stell­ten und keinen einzigen Ge­schäfts­part­ner habe, gilt immer noch dieses Prinzip. Denn wenn ich dir bspw. einen Stift verkaufe, dann bekomme ich nicht etwa Geld von dir, weil ich dir meinen Stift gegeben habe, sondern ich bekomme Geld dafür, dass durch diesen Handel sowohl die Bank als auch der Staat pro­fi­tie­ren. Sie bekommen Geld, also bekomme ich Geld; ich bekomme nicht Geld, weil du einen Stift bekommst.

Das verdiente Geld hat also einen kor­re­la­ti­ven Zu­sam­men­hang zum Produkt, keinen kausalen.

Neben Bank und Staat pro­fi­tie­ren in der Realität natürlich auch all die Parteien, die bei der Her­stel­lung oder dem Verkauf der Ma­te­ria­li­en für den Stift in­vol­viert waren.

Dieses kleine Umdenken lässt einen anders an die Be­trach­tung seiner Geschäfte rangehen. Wenn man über neue Ge­schäfts­ide­en nachdenkt, sollte man also nicht etwa versuchen besonders kreative oder in­no­va­ti­ve Sachen aus­zu­den­ken, sondern Methoden und Wege wie möglichst viele Menschen möglichst viel Geld durch dich verdienen könnten. Wie könntest du eine Struktur – also ein Un­ter­neh­men – aufbauen, worin sich Leute in­vol­vie­ren können, um fi­nan­zi­ell davon zu pro­fi­tie­ren?