Jordan Petersons scheinanalytisches Denken

22.07.2021

Ich bin neulich über das Video "5 Habits That Will Make You POWERFUL Beyond Belief" von Jordan Peterson gestoßen, das ein Aus­schnitt aus einem Interview mit Lewis Howes ist. Darin wird Jordan gefragt, welchen Rat er jungen Menschen in ihren Zwan­zi­gern geben würde, damit sie besser und er­folg­rei­cher im Leben werden. Er fängt mit prak­ti­schen Tipps wie "Trink weniger" an und je weiter das Gespräch fort­schrei­tet, desto phi­lo­so­phi­scher wurde er und mir wurde auf einmal klar, was mich an ihm immer gestört hat, ich aber nie so klar for­mu­liert hatte. Nun gibt es natürlich so einiges, was einen an Jordan stören könnte (wie z.B. die Tatsache, dass er Menschen un­iro­nisch An­ti­de­pres­si­va empfiehlt), aber hier geht es mir um seine generelle Denkweise, um seine Art, wie er an Probleme herangeht.

In dem Interview redet er darüber, dass es einem selber besser gehen wird, wenn man es sich zum Ziel setzt, die Leben anderer Menschen zu ver­bes­sern. Wenn man im All­ge­mein­wohl handelt. Das ist beileibe keine neue Idee und ich habe auch nichts dagegen, dass es seine Meinung ist, denn man kann in eine beliebige Kirche gehen und das gleiche von jedem Priester hören. Der Un­ter­schied ist aber, dass der Priester zugeben wird, dass es seiner re­li­giö­sen Moral ent­spricht und dass diese Meinung aus der christ­li­chen Doktrin kommt. Jordan erwähnt das Chris­ten­tum hier aber mit keinem Wort, er versucht zu diesem Schluss mit reiner Logik zu kommen. Er macht immer den Eindruck, als ob er sehr tief über ein Thema nachdenkt und versucht jedes Wort zu de­fi­nie­ren ("Well, it depends what you mean by..."), aber das ist nur Schein.

Ab etwa 8:10 versucht er jemanden zu wi­der­le­gen, der egostisch ist bzw. in seinem eigenen Interesse ("your best interest") handelt – und fängt an mit: "Nun, was bedeutet interest? Und was bedeutet your? Was ist in deinem Interesse? Your. Best. Interest. Drei Mysterien." Dann fährt er damit fort "you" zu de­fi­nie­ren. Auf dem ersten Blick macht es den Eindruck, als ob da jemand sehr viel über das Thema nach­ge­dacht hat und ganz genau aufpasst welche Worte er verwendet. Aber je mehr er redet, desto mehr fällt auf, dass er nur versucht bei gewissen Aussagen ana­ly­tisch zu sein. Als er darüber redet, dass es am besten ist, anderen Menschen etwas gutes zu tun, versucht er selt­sa­mer­wei­se nicht zu de­fi­nie­ren, was es bedeutet, "anderen gutes zu tun". Als er darüber redet, dass man im All­ge­mein­wohl handeln sollte, versucht er auch nicht zu anayl­sie­ren, was das Wort denn genau bedeutet. Aber warum ist das so?

Der Grund ist ganz einfach: Er hatte die Antworten schon, bevor er die Fragen gestellt hatte. Auch wenn er immer einen sehr ana­ly­ti­schen und wis­sen­schaft­li­chen Eindruck macht, ist er ein tiefre­li­giö­ser Mann (so sehr, dass er sogar schon die Kontrolle verloren hat und anfangen musste zu weinen, nur bei dem Gedanken an seinen Glauben an Jesus). Die christ­li­che Vor­stel­lung von richtig und falsch sitzt tief in ihm und ganz egal, welche Le­bens­fra­gen gestellt werden, er wird immer eine Antwort geben, die dieser Vor­stel­lung ent­spricht. Er scheint es nicht einmal in Erwägung zu ziehen, dass die christ­li­che Doktrin nicht stimmen könnte, aber gleich­zei­tig will er nach Außen auch nicht wirklich als re­li­giö­ser Lehrer rü­ber­kom­men, sondern als Professor, der seine Meinungen auf wis­sen­schaft­li­chen Tatsachen stützt. Deswegen versucht er alles zu de­kon­stru­ie­ren, wenn es ihm gerade passt (wie z.B was "Wahrheit" bedeutet in seinem Gespräch mit Sam Harris) und anderes auf­recht­zu­er­hal­ten, wenn es zu seinem Nachteil wäre, auch das zu de­kon­stru­ie­ren. Er ist ein Schein­ana­ly­ti­ker. Jeder, der un­vor­ein­ge­nom­men ist und versucht wirklich Antworten zu finden, würde niemals versuchen "Interesse" zu de­fi­nie­ren, aber nicht "All­ge­mein­wohl". Ich glaube noch nicht einmal, dass er das ab­sicht­lich macht, aber das ändert nichts daran wie un­auf­rich­tig seine Her­an­ge­hens­wei­se ist.