Meine Gedanken zu "Die Brüder Karamasow"

07.02.2020

Ich mache nicht zu jedem Buch, das ich lese, einen Post. Aber hier musste es sein, weil ich habe ganz selten schon nach der ersten Seite das Gefühl, dass ich ir­gend­je­man­den davon erzählen muss. Es sprang mir nämlich direkt ins Auge, dass er hier eine für mich bis dato un­ge­wöhn­li­che Er­zähl­wei­se gewählt hat. Bis jetzt waren mir der Ich-Erzähler und der ge­wöhn­li­che all­wis­sen­de Erzähler vertraut, der teil­nahms­los das Geschehen schildert; aber Dos­to­jew­ski greift zu einer anderen Methode und macht sich als Autor selbst zum Teil der Story. Oder besser gesagt indirekt, weil er nicht wirklich am Geschehen teilnimmt, aber er redet davon, dass es sich hier gerade um ein Buch handelt und die Figuren Teil seiner Erzählung sind. Auf die Weise kommt es einem so vor, als ob er einem gegenüber sitzt und etwas erzählt, was wirklich vor­ge­fal­len ist. Das ist ein in­ter­es­san­ter Ansatz, den ich bis jetzt noch nirgendwo sonst gesehen habe. Hier und da sagt er auch, dass er gewisse Ne­ben­hand­lun­gen auf später ver­schiebt und sogar, dass er darüber viel­leicht noch ein extra Buch schreiben wird – sich aber zu dem Zeitpunkt noch nicht sicher ist. Das macht das ganze irgendwie le­ben­di­ger und dadurch, dass er selber in dem Kosmos des Buches lebt, tut man es also als Leser au­to­ma­tisch auch.

Das zweite, was das Buch für mich aus der Masse her­aus­ste­chen ließ, war das Ver­hält­nis von der Handlung zu den Figuren. Nor­ma­ler­wei­se kenne ich es so, dass ein Autor sich eine Story ausdenkt und die Cha­rak­tä­re dazu dienen, dass diese Story erzählt werden kann – die Handlung ist also der Mit­tel­punkt des Buches und die Figuren sozusagen ein not­wen­di­ges Werkzeug, um sie über die Bühne zu bringen. Hier schien es mir genau umgekehrt. Die Story war ein not­wen­di­ges Werkzeug, um einen die Figuren nä­her­zu­brin­gen. Dieser Un­ter­schied fiel mir auch recht schnell auf (und später sollte ich auch fest­stel­len, wieso er das so gemacht hatte). Er hat sich also Figuren aus­ge­dacht und um den Leser zu zeigen, wie diese ticken oder was die für Ver­halts­wei­sen usw. haben, bedient er sich Hand­lun­gen, in denen sie vorkommen; sogesehen als die beste und an­schau­lichs­te De­mons­tra­ti­ons­form für deren Verhalten und Ei­gen­ar­ten. Das legt auch den Grund­stein für den Schwer­punkt des Buches: denn wenn man schon die Personen zum Mit­tel­punkt macht, dann bleibt einem nicht viel anderes übrig, als tief in ihre Psy­cho­lo­gie zu gehen und sogesehen sie als Exempel zu nehmen, um über die mensch­li­che Seele zu kon­tem­plie­ren.

Das dritte, was ich an dem Buch eher un­ge­wöhn­lich fand, war die Tatsache, dass die ei­gent­li­che Handlung, nämlich der Mord an dem Vater, recht spät in dem Buch vorkam, nämlich so ziemlich in der Hälfte. Wenn man bedenkt, dass es sich hier um einen dicken Wälzer von über 1100 Seiten handelt, dann wird dieser Umstand umso mehr un­ter­stri­chen.

Und genau das ist wohl der Grund, wieso Dos­to­jew­ski soviel Wert darauf gelegt hat, dass der Leser ganz genau die Denk- und Hand­lungs­wei­sen der Figuren ken­nen­lernt und überhaupt mit dem Kosmos vertraut wird, den er ge­schaf­fen hat. Denn wenn die ei­gent­lich Story, nämlich der Mord, einmal einsetzt, dann beginnt er die Grundlage, die er in der ersten Hälfte des Buches ge­schaf­fen hat, zu nutzen und auf ihr aufbauend seine Kon­tem­pla­tio­nen über Gott und die Welt zu vertiefen. Was natürlich nicht bedeutet, dass in der ersten Hälfte nichts tief­grün­di­ges geschah. Gerade das berühmte Kapitel "Der Groß­in­qui­si­tor" de­mons­triert ganz gut seine Fähigkeit zu phi­lo­so­phie­ren.

Meines Erachtens nach wurde das Buch aber im Großen und Ganzen nicht von der Phi­lo­so­phie getragen, die vorkam. Ich hab in Kritiken immer wieder gelesen, dass viele Leute gerade diese Ei­gen­schaft am besten an dem Buch fanden. Für mich aber stach es, wie oben be­schrie­ben, ei­ner­seits durch die eigene Her­an­ge­hens­wei­se in der Er­zähl­form und dem Ansatz an die Handlung heraus und an­de­rer­seits durch die gut durch­dach­ten psy­cho­lo­gi­schen Er­zäh­lun­gen. Gerade beim Prozess zum Schluss ging das in eine un­ge­wöhn­li­che Tiefe und ich war wirklich be­ein­druckt, wie man selbst die kleinste und un­be­deu­tends­te Handlung von jemanden von komplett ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven be­trach­ten und seine Sicht­wei­se auch her­vor­ra­gend ar­gu­men­ta­tiv un­ter­stüt­zen kann.

Be­ein­dru­ckend fand ich auch, dass Dos­to­jew­ski es mit au­gen­schein­li­cher Leich­tig­keit hin­be­kommt, dass sobald man denkt, man weißt, worum es ihm geht, er die Her­an­ge­hens­wei­se einfach komplett ändert. Bspw. als nach dem Mord die Staats­an­walt­schaft usw. den Ver­däch­ti­gen befragten und auch sonst die ganze Stadt darüber grübelte, wer wohl der Mörder ist, war man selbst als Leser auch in einer un­ge­wis­sen Lage. Man war genau so schlau, wie die Leute im Buch und es stand einem selbst zu mit­zu­den­ken und entweder den Argumente, die her­vor­ge­bracht wurden, Glauben zu schenken oder lieber zu zweifeln. Immer wieder musste man seine eigenen Theorien durch neu her­vor­ge­brach­te In­for­ma­tio­nen nochmal über­den­ken und schauen, ob sie wirklich noch passen. So dachte ich in der zweiten Hälfte des Buches, das sei jetzt die Absicht Dos­to­jew­skis, dass man bis zu der großen Auflösung zum Schluss so in der Un­ge­wiss­heit bleiben muss. Aber kaum hab ich das gedacht, löst er den Fall auch schon für den Leser auf. Und ab da ging es eher darum, dass ich als Leser es jetzt weiß, aber die Justiz ja noch nicht. Und so muss man zusehen, wie der Pfeil, wer nun der Mörder ist, zwischen den beiden Haupt­ver­däch­ti­gen hin und her­schwankt und sogar dann eindeutig auf die falsche Person gezeigt hat, man aber nicht viel tun kann, außer zu denken "Wüsste ich es nicht besser, wäre ich nicht genau zu dem gleichen Schluss gekommen?"

Gerade diese De­mons­tra­ti­on auf welchen wackligen Beinen solche Ge­richts­pro­zes­se stehen können und dass es niemals völlige Ge­wiss­heit geben kann, wenn so etwas komplexes und tiefes wie die mensch­li­che Psyche im Spiel ist und auch, dass selbst die über­zeu­gends­ten und selbst­si­cher vor­ge­tra­gends­ten Argumente und die scheinbar neuesten wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­se nicht gleich bedeuten, dass es sich hierbei um die Wahrheit handelt, macht für mich das Buch ein­zig­ar­tig und ich kann es nur jedem wei­ter­emp­feh­len.