Meinungswirt

20.04.2022

Manchmal dis­ku­tiert man mit jemanden, der wirklich Ahnung von dem hat, was er sagt; oder zumindest gute Gründe nennen kann, wieso er denkt, was er denkt. Aber immer wieder stößt man auch auf Leute, die sehr überzeugt sind von ihrer eigenen Meinung, aber wenn man anfängt etwas zu graben, stellt man fest, dass nicht viel Substanz da­hin­ter­steckt. Trotz dieser De­mons­tra­ti­on werden diese Leute aber in ihrer Position nicht er­schüt­tert; auch wenn sie selbst fest­stel­len, dass sie ei­gent­lich nicht viel zu sagen haben, nehmen sie für sich nach wie vor die über­le­ge­ne Position in Anspruch. Aber warum ist das so?

Der Grund ist, dass viele Menschen ihre Meinung out­sour­cen – und zwar an Leute, die sie als Au­to­ri­tä­ten in diesem Gebiet erachten. Es findet hierbei aber keine klassiche Lehrer-Schüler-Beziehung statt, in der man versucht von dieser Autorität zu lernen, um eines Tages auf dem gleichen Stand zu sein oder sie viel­leicht sogar zu über­trump­fen, sondern es ist eine voll­stän­dig ver­trau­ens­ba­sier­te Beziehung, die zu ändern auch nicht be­ab­sich­tigt wird.

Nun ist es so, dass wenn dieser "Schüler" in eine Dis­kus­si­on gerät, er nicht etwa sich auf­rich­tig auf die Argumente der Ge­gen­sei­te fo­kus­siert, sondern von vorn­her­ein weiß, dass selbst wenn er die Dis­kus­si­on verlieren würde, er dennoch richtig liegt, denn wäre seine Autorität an seiner Stelle, hätte sie ganz sicher gewonnen. Diese Autorität ist sozusagen ein Mei­nungs­wirt und erlaubt es ihm sich pri­vi­li­giert zu fühlen und auf die Ge­gen­sei­te her­un­ter­zu­bli­cken, selbst wenn er gar kein Recht dazu hat und gar nichts geleistet hat.

Der "Schüler" – oder besser gesagt Mei­nungs­gast – bemerkt aber dabei nicht, dass er selbst keine Ahnung von diesem Thema hat, sondern sich blind auf den Mei­nungs­wirt verlässt, der ihn mit seinen rhe­to­ri­schen Fä­hig­kei­ten oder Titeln oder seiner Be­liebt­heit oder aus welchem Grund auch immer überzeugt hat.

Dieses psy­cho­lo­gi­sche Phänomen findet aber nicht nur bei fach­li­chen Themen statt, sondern auch der christ­li­che Slogan W.W.J.D. (What would Jesus do?) basiert zu einem gewissen Maße darauf. Auch Grup­pen­zwang ist Prinzip nichts anderes, denn jede Gruppe hat einen Kopf, der als Wirt agiert und die anderen in eine Richtung weist. Wenn z.B. eine Gruppe von Schülern einen andern Schüler mobbt, dann geht dieses Mobbing oftmals nur von einem einzigen aus und die anderen (die Gäste) machen mit, weil sie sich nur fragen: W.W.M.D. (What would the Mei­nungs­wirt do?).