Menschen und Politiker

07.09.2020

So lustig und spott­an­fäl­lig die Rep­ti­loi­den­theo­rie auch sein mag, ich glaube Schuld an ihrem Entstehen sind Politiker selbst. Genauso wie das klas­si­sche Bild eines Arbeiters, der nach Fei­er­abend mit seinen Kollegen in der Kneipe sitzt und bei einem Bier über "die da oben" lästert und dass "sie ja sowieso machen würden, was sie wollen", verrät die Theorie darüber, dass die Mächtigen in Wahrheit Ech­sen­men­schen aus dem Weltall sind, viel über die Ent­frem­dung der Re­prä­sen­ta­ten von den Re­prä­sen­tier­ten.

Abgesehen davon natürlich, dass die Politiker tat­säch­lich nicht das Volk re­prä­sen­tie­ren und es auch gar nicht ihre richtige Aufgabe ist,[1] liegt die Ursache für viele, die denken, dass sie es tun oder we­nigs­tens tun sollten, eher an dem komplett ent­mensch­lich­ten Verhalten. Politiker sind wie pro­gram­mier­te Roboter, darauf ausgelegt gewisse Aufgaben zu voll­füh­ren und ja nicht na­tür­li­che und vertraute mensch­li­che Regungen zu zeigen. Wenn mal das Mensch­li­che durch­schei­nen soll, dann bitte nur kal­ku­liert – gehe rum und zeig dich volksnah, nimm ein Kind in den Arm und spiel etwas mit ihm rum... aber pass ja auf, dass die Kameras auf dich gerichtet sind!

Wenn du In­ter­views gibst und dir eine Frage gestellt wird, dann darfst du auf keinen Fall direkt darauf antworten, egal was passiert, denn sowas machen nur Menschen. Du hältst Reden? Dann sollten die Art wie du redest, deine Be­to­nun­gen, deine Sprach­me­lo­die und auch deine Gestik ein­stu­diert sein. Du hast keine Ahnung wie das geht, hol dir Berater ins Team. Die werden dir zeigen, wie man sich als ein richtiger Politiker verhält, niemand möchte einem Menschen zuhören.

Jemand greift dich öf­fent­lich an, beleidigt dich sogar? Wird per­sön­lich? Zeig dich auf jeden Fall völlig unberührt davon. Bes­ten­falls igno­rierst du es komplett und wenn du darauf an­ge­spro­chen wirst, sagst du einfach emotional unberührt irgendwas, ganz egal was, muss nicht mal wirklich um das Thema gehen. Am besten ist es, wenn man eine Minute später sich nicht mal mehr erinnert kann, was du ei­gent­lich gesagt hast. Ver­är­ge­rung, Wut, Ra­che­ge­fühl usw. sind niedere mensch­li­che Emotionen, sowas hast du nicht nötig. Das kannst du der un­ge­wa­sche­nen Masse über­las­sen, die du rein theo­re­tisch re­prä­sen­tierst. Freude, Stolz, Glück usw. kannst du auch vergessen. Jede Emotion muss wohl­über­legt nach Außen gebracht werden, dein Grund­zu­stand ist jedoch neutral.


Ich überlege mir manchmal, wie gut wäre es ei­gent­lich, wenn Politiker, die ja sowieso ständig an­ge­grif­fen werden, ständig Ziel von Comedians und Sa­ti­re­shows sind, einfach mal einmal kontern könnten. Bei ihrem nächsten öf­fent­li­chen Auftritt oder wenn sie darauf an­ge­spro­chen werden, zu­rück­schie­ßen, ir­gend­wel­che Sprüche bringen. Und wenn jemand wirklich unter die Gür­tel­li­nie gegangen ist, einfach frech zu­rück­ant­wor­ten, ihn be­lei­di­gen. Wieso immer dieses emotional un­be­rühr­te, damit kann sich kein Mensch iden­ti­fi­zie­ren; zumindest nicht die breite Masse.

Wieso ist es so schwer ein normaler Mensch zu sein? Wieso ist es so schwer zu zeigen, was man denkt und fühlt? Und ich rede gar nicht davon, sich zu sehr emotional da rein­zu­stei­gern, sondern einfach seinen Mann oder seine Frau zu stehen. Zeig, dass du dich nicht hast von deinem Beruf verbiegen lassen und du immer noch einen Rückgrat hast. Zeig, dass du stark und un­ab­hän­gig bist und nicht nur eine leere Hülle im Anzug.

Das alles ist mit die Ursache für die Ent­frem­dung der Politiker vom Volk. Das meiste passiert wahr­schein­lich unbewusst. Wir sind soziale Wesen und im Laufe der Evolution darauf ent­wi­ckelt worden, sofort Menschen her­aus­zu­fil­tern, mit denen etwas nicht stimmt, die po­ten­ti­ell eine Gefahr sein könnten, weil sie sich nicht ge­wöhn­lich verhalten. Das passiert ganz au­to­ma­tisch, ohne dass wir darüber bewusst nach­den­ken müssen. Fragt man uns aber, wieso wir sie nicht mögen, würden die meisten wahr­schein­lich sagen "Das sind Lügner", "Die sind unehrlich". Und das richtig, es ist un­auf­rich­ti­ges Verhalten, demnach lügen sie über ihre Absichten. Unser "Rep­ti­li­en­hirn" (no pun intended) ist ein aus­ge­klü­gel­tes System und sagt zu­ver­läss­lich, wen wir vertrauen sollten und wen nicht.

Die von ihnen nicht be­ab­sich­tig­te Kon­se­quenz davon ist aber nicht einfach, dass die meisten dann keinen Bock mehr auf Politiker haben, sondern dass sie Bock auf andere Politiker haben. Auf Po­pu­lis­ten, auf Demagogen. Auf Leute, in denen sie sich in ir­gend­ei­ner Weise wie­der­spie­geln können. Dieses "Ich will jemanden, der mal or­dent­lich durch­greift" ist nicht selten ein "Ich will jemanden, der etwas macht, was ich machen würde, wenn ich die Fäden in der Hand hätte". Sie wollen einen von ihnen, einen, der wie sie ist, nicht nur einen, der vorgibt, einer von ihnen zu sein, aber in jeder Facette seines Seins das Gegenteil prä­sen­tiert. Wie schwer kann es sein, jemand zu sein, als der man geboren ist?


  1. Ich sagte bereits dazu etwas in "Das evo­lu­tio­nä­re Prinzip".