Nach dem Tod

07.09.2020

Viele Leute, die Angst vor dem Tod haben oder denen zumindest un­be­hag­lich wird bei dem Gedanken, dass sie ir­gend­wann nicht mehr da sein werden, bekommen von anderen (nicht­gläu­bi­gen) Menschen oft gesagt, dass sie sich darum keine Sorgen machen müssten, denn wenn sie einmal tot sind, merken sie sowieso nichts mehr. Der Zustand nach dem Tod würde genau so sein, wie der vor der Geburt. Schließ­lich konnten sie ja auch nicht Dinge be­ob­ach­ten und werten, die sich vor 500 Jahren ereignet haben, ihr Be­wusst­sein war einfach nicht existent.

Auch wenn das ein an­schau­li­ches Beispiel ist und einem zum Nach­den­ken bringt, wenn man es zum ersten Mal hört, sagt mir ir­gend­et­was, dass es da doch qua­li­ta­ti­ve Un­ter­schie­de gibt. Ist das Nicht­exis­tie­ren eines Be­wusst­seins, nachdem es einmal existiert hat, wirklich das gleiche, wie als es noch nie existiert hat? Wir wissen ja, dass jeder Mensch, der schon mal geboren wurde, nicht noch einmal geboren werden kann. Stirbt ein Mensch, dann war er als In­di­vi­du­um ein­zig­ar­tig und eine erneute Geburt genau desselben Menschen ist aus­ge­schlos­sen. Während alle ein­zig­ar­ti­gen po­ten­ti­el­len Menschen, die noch nie geboren wurden, we­nigs­tens eine Wahr­schein­lich­keit haben, geboren zu werden. Es ist so, als würde das Universum ein Häkchen hinter jedem Menschen setzen, der existiert hat, sodass das nicht nochmal wie­der­holt werden sollte.

Ein Be­wusst­sein, das einmal existiert hat, geht nach dem Tod also nicht in den Existiert-nicht-Zustand, sondern in den Existiert-nicht-mehr- bzw. Existiert-nicht-und-wird-auch-nie-wieder-exis­tie­ren-Zustand. Während die Be­wusst­sei­ne aller Menschen, die sich noch vor der Geburt befinden, lediglich in dem Existiert-nicht-Zustand sind.

Das sind natürlich rein phi­lo­so­phi­sche Kon­tem­pla­tio­nen und was es in der realen Welt für eine Bedeutung hat, wird wohl kaum einer sagen können. Ich finde es aber schon wichtig, diese Un­ter­schei­dung zu machen, denn "Nach dem Tod wird es genauso wie vor der Geburt sein" zu sagen, könnte am Ende tat­säch­lich un­zu­tref­fend sein. Viel­leicht ist dieses Existiert-nicht-und-wird-auch-nie-wieder-exis­tie­ren-Zustand in Wirk­lich­keit ein Existiert-aber-in-einer-anderen-Art-Zustand. Denn um si­cher­zu­stel­len, dass etwas nie wieder exis­tie­ren soll, muss es viel­leicht in ir­gend­ei­ner Weise doch noch da sein.

Das kann man sich vor­stel­len wie eine lange Reihe von Stühlen und jeder Mensch, der geboren wird, setzt sich auf einen Stuhl und dieser Platz ist explizit für ihn bestimmt. Wenn er stirbt und den Platz freimacht, sagt er damit, dass sich ein anderer auf seinen Platz setzen kann. Damit sagt er also, dass es eine zweite Version von ihm geben kann. Damit das aber nicht passiert, müsste er den Platz in ir­gend­ei­ner Weise belegen, sodass sich niemand da­hin­setzt. Und dieses Belegen des Platzes ist die andere Art, in der das Be­wusst­sein weiterhin da ist. Was sich ganz klar von den leeren Stühlen un­ter­schei­det, auf denen noch nie ein Mensch saß.

Ist dieser Zustand, in der wir uns dann befinden werden, viel­leicht doch irgendwie relevant? Sprich, werden wir es merken? Wird es uns bewusst sein, dass wir noch da sind? Viel­leicht in ir­gend­ei­ner Weise, die wir uns hier noch nicht mal vor­stel­len können?