Pflanzliche Ästhetik

20.04.2022

In seinem Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vor­stel­lung" hat Arthur Scho­pen­hau­er einen in­ter­es­san­ten Gedanken geäußert, wieso er glaubt, dass die Pflan­zen­welt so far­ben­reich, aus­drucks­stark und äs­the­tisch ist:

Vor Allem hat die schöne Natur diese Ei­gen­schaft und gewinnt dadurch selbst dem Un­emp­find­lichs­ten we­nigs­tens ein flüch­ti­ges äs­the­ti­sches Wohl­ge­fal­len ab: ja, es ist so auf­fal­lend, wie besonders die Pflan­zen­welt zur äs­the­ti­schen Be­trach­tung auf­for­dert und sich gleichsam derselben aufdringt, daß man sagen möchte, dieses Ent­ge­gen­kom­men stände damit in Ver­bin­dung, daß diese or­ga­ni­schen Wesen nicht selbst, wie die thie­r­i­schen Leiber, un­mit­tel­ba­res Objekt der Er­kennt­niß sind, daher sie des fremden ver­stän­di­gen In­di­vi­du­ums bedürfen, um aus der Welt des blinden Wollens in die der Vor­stel­lung ein­zu­tre­ten, weshalb sie gleichsam nach diesem Eintritt sich sehnten, um we­nigs­tens mittelbar zu erlangen, was ihnen un­mit­tel­bar versagt ist. Ich lasse übrigens diesen gewagten und viel­leicht an Schwär­me­rei grän­zen­den Gedanken ganz und gar da­hin­ge­stellt seyn, da nur eine sehr innige und hin­ge­ben­de Be­trach­tung der Natur ihn erregen oder recht­fer­ti­gen kann.

Weiter bemerkt er in der Fußnote, dass 40 Jahre nachdem er "schüch­tern und zaudernd" diesen Gedanken auf­ge­schrie­ben hatte, er entdeckt habe, dass der heilige Au­gus­ti­nus schon zuvor genau auf den gleichen Gedanken gekommen war, als er sagte: "Arbusta formas suas varias, quibus mundi hujus visibilis structura formosa est, sen­ti­en­das sensibus praebent; ut, pro eo quod nosse non possunt, quasi in­no­te­sce­re velle videantur." (De civ. Dei, XI, 27.) (dt. "Die Pflanzen bieten ihre man­nig­fa­chen Formen, durch die der sichtbare Bau dieser Welt sich formschön gestaltet, den Sinnen zur Wahr­neh­mung dar, so daß sie, da sie nicht erkennen können, wie es scheint, gleichsam erkannt werden wollen."[1] )

Dies erinnerte mich sofort daran, wie Leute lauter sprechen, wenn sie entweder Oh­ren­stöp­sel oder Kopfhörer im Ohr haben und die Umgebung entweder dumpfer oder gar nicht hören können. Dadurch, dass ihnen also ein Sinn (der auditive) funk­ti­ons­un­fä­hig gemacht wurde, kom­pen­sie­ren sie es damit, dass sie ein anderes umso lauter stellen. So könnte es also auch sein, dass Pflanzen, dadurch dass sie selbst nicht sehen können (ihnen also der visuelle Sinn fehlt), diese Tatsache damit kom­pen­sie­ren, dass sie sich in der Hinsicht auf noch aus­drucks­stär­ke­re und form­schö­ne­re Art dar­stel­len.


  1. Über­set­zung aus der Ausgabe vom Haffmans Verlag.