Proxyerziehung

04.09.2020

Es gibt wohl kaum eine un­lo­gi­sche­re Sache, als sein eigenes Kind zu schlagen. Wenn das Kind etwas getan hat, was du nicht willst, dass es das tut und es für dich so schlimm ist, dass du sogar auf kör­per­li­che Gewalt als Er­zie­hungs­me­tho­de zu­rück­grei­fen willst, dann wirst du einen Grund haben, wieso es das nicht tun soll. Dann sage dem Kind einfach den Grund. Denn wenn der einzige Grund, wieso es etwas un­ter­las­sen soll, die Angst vor deinen Schlägen ist, wird es für sich selbst einen Mittelweg finden: die Sache weiterhin machen, aber es vor dir ver­heim­li­chen. Nennst du den Grund, aber das Kind kann es nicht nach­voll­zie­hen und will es trotzdem weiterhin machen, ist dein Grund viel­leicht nicht so gut. Entweder gibt es bessere oder die Sache ist nicht so schlimm wie du denkst. Da musst du in dich gehen und dich selbst fragen, wieso du so denkst: ist es wirklich eine Meinung, die von dir kommt oder hast du es selbst gesagt bekommen von anderen Menschen und du hast es un­über­legt über­nom­men?

Erziehung sollte immer direkt sein und sich um das Wesen der Dinge drehen. Sagst du dem Kind, dass es nicht die heiße Herd­plat­te anfassen soll, dann weil es sich die Hand verbrennt und starke Schmerzen haben wird, nicht weil es sonst ganz doll Ärger von dir bekommt.

Diese Methode, einen zu­sätz­li­chen Faktor mit ins Spiel zu bringen, um den sich die Sache dann dreht – ich nenne es Pro­xy­er­zie­hung – funk­tio­niert aber auch im um­ge­kehr­ten Fall. Viele Eltern geben ihren Kindern Be­loh­nun­gen für alles mögliche. Sie haben gute Noten in der Schule ge­schrie­ben? Sie haben den Müll raus­ge­bracht? Sie haben ihr Zimmer auf­ge­räumt? Dafür gibt es erstmal zu­sätz­li­ches Ta­schen­geld! Diese Sachen haben aber ihren eigenen Wert. Das Ergebnis eines sauberen Raumes oder einer nicht stin­ken­den vollen Mülltüte in der Küche ist seine eigene Belohnung. Man macht es, um genau dieses Ergebnis zu bekommen. Wenn man aber jetzt eine externe Belohnung ins Spiel bringt, verlegt das Kind das Ergebnis auf das Geld. So eine Paw­low­sche Kon­di­tio­nie­rung ist sinnlos in der Erziehung. Welchen Reiz hat es noch diese Dinge zu tun, wenn ir­gend­wann die stell­ver­tre­ten­de Belohnung nicht mehr da ist?