Rache an den Mörder des eigenen Sohnes

29.05.2021

In seiner Doku "Where to Invade Next" besuchte Michael Moore ver­schie­de­ne Länder, u.a. Norwegen, wo er den Zu­schau­ern die Ge­fäng­nis­se dort vorstellt und zeigt, dass das Ge­fäng­nis­sys­tem dort auf der Idee der Re­so­zia­li­sie­rung aufgebaut ist. Dass die sich so sehr von den Ge­fäng­nis­sen anderer Länder un­ter­schei­den, dass man sie nicht einmal als solches erkennt. Die Norweger sehen es aber als ein Erfolg an, denn nur 20% der Ge­fan­ge­nen werden innerhalb der ersten fünf Jahre nach Frei­kom­men wieder rück­fäl­lig, im Gegensatz zu den USA, bei der die Quote bei 80% liegt.

Erst könnte man meinen, dass dieser Fakt für sich spricht und man nicht dagegen ar­gu­men­tie­ren kann, denn immerhin, Zahlen lügen nicht. Doch etwas später führt er ein Interview mit dem Vater eines der Jungen, die 2011 von Anders Breivik getötet wurden.

In diesem Interview wird der Vater damit kon­fron­tiert, dass Breivik in Norwegen eine viel leichtere Strafe bekommt, da er eine deutlich schlech­te­re Zeit in Ge­fäng­nis­sen in anderen Ländern hätte. Der Vater meint daraufhin nur, dass er einen fairen Prozess für ihn begrüßt und es gut findet, wie es ist. Und auf die Frage, ob er ihn nicht am liebsten töten würde, für das, was er mit seinem Sohn gemacht hat, verneint er ent­schie­den und meint, dass er sich nicht auf dieses Level her­ab­be­gibt und kein Recht hat, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen.

Dieser kurze Aus­schnitt hat sofort meine Augen geöffnet. Allein dieser Grad an Pro­gram­mie­rung, die hat statt­fin­den müssen, um so eine Haltung zu haben, ist ver­blüf­fend. Rache ist ein völlig na­tür­li­ches Gefühl in so einer Situation, es ist ein völlig na­tür­li­ches Verlangen, den­je­ni­gen, der Leid über deine Familie gebracht hat, leiden oder sterben sehen zu wollen. Selbst wenn man zu feige ist, um es selbst aus­zu­füh­ren, sollte doch we­nigs­tens die Fantasie, der Wunsch, da sein. Aber nein, es wurde jegliche Intuition aus­ge­löscht.

Es dürfte kein leichter Prozess sein, so einen tief­sit­zen­den mensch­li­chen Trieb zu über­schrei­ben, weswegen es darauf hindeutet, dass die Leute in diesem Land von klein auf auf diese Weise pro­gram­miert werden. Daher wird er auch nicht der einzige Mensch sein, der so denkt, sondern er spiegelt wahr­schein­lich den durch­schnitt­li­chen Norweger wieder. Denn selbst wenn er innerlich ei­gent­lich anders denkt, aber vor der Kamera einfach etwas sagt, wovon er glaubt, dass es besser ankommt, ändert es nichts daran, denn allein die Tatsache, dass er denkt, dass so etwas besser bei den Leuten ankommt, sagt genug über den Zustand der Nation aus.

Auch dass er in so einer Situation von sog. "Rechten" redet, die er nicht hat, zeigt wie sein Denken von Staats­pro­pa­gan­da durch­zo­gen ist. Er schafft es nicht einmal einen klaren und na­tür­li­chen eigenen Gedanken zu fassen, ohne dass das Ideal einer von oben auf­ge­drück­ten Sitt­lich­keit in seinem Kopf spukt.

Denken wie dieses dürfte der Grund sein, wieso die Rück­fall­kri­mi­na­li­tät in Norwegen geringer ist als in anderen Ländern. Denn Menschen dort scheinen prin­zi­pi­ell lamm­from­mer zu sein. Das de­mons­triert auch ganz gut, wieso man nicht ver­schie­de­ne Länder aufgrund nur eines Faktors mit­ein­an­der ver­glei­chen sollte, wenn man nicht auch alle anderen in Betracht gezogen hat, um si­cher­zu­stel­len, ob nicht in Wirk­lich­keit nur eine Kor­re­la­ti­on vor­herrscht.