Retribution durch Karma

19.09.2020

Wenn ein Konzept aus einer Region der Welt und ihrer Kultur in eine andere Region auf­ge­nom­men wird, dann passiert das meistens nicht eins zu eins, sondern mit einer Ver­zer­rung der ur­sprüng­li­chen Bedeutung. So auch mit der Bedeutung von Karma. Benutzt jemand in unseren Brei­ten­gra­den dieses Wort, dann kann man es fast immer mit "Gott" ersetzen, denn das ist die dar­un­ter­lie­gen­de Vor­stel­lung davon. Auch wenn sie wissen, dass Karma eher ein uni­ver­sa­les Gesetz ist und keine per­sön­li­che Gottheit, die bewusst Regeln aufträgt und Ent­schei­dun­gen trifft, behandeln sie es doch so, als ob, da dieses Konzept schon zu tief in ihnen verankert ist.

Karma und Moral

Das wir es synonym mit Gott verwenden, sieht man gut daran, dass Karma immer mit Moral in Ver­bin­dung gebracht wird. Und Moral ergibt bei einem uni­ver­sa­len Gesetz absolut keinen Sinn, denn es gibt keine uni­ver­sa­le Moral. Nicht nur haben Menschen ver­schie­de­ne De­fi­ni­tio­nen von richtig und falsch je nach Teil der Welt, sondern auch hier, wo wir gerade sind, wenn wir nur in der Zeit zu­rück­ge­hen. Wenn jemand vor 1000 Jahren etwas getan hat, was für uns heute un­mo­ra­lisch ist, aber zu seiner Zeit noch nicht, dann wäre es unlogisch, wenn er dafür negative Kar­ma­punk­te bekommt. Und umgekehrt genauso. Wer sagt außerdem auch, dass wir hier und heute die besten mo­ra­li­schen Normen haben?

Ganz of­fen­sicht­lich kann Karma nichts mit richtig und falsch zu tun haben. Es kann nichts damit zu tun haben, dass jemanden schlech­tes wie­der­fährt, wenn er anderen etwas schlech­tes tut und ihm gutes wie­der­fährt, wenn er anderen gutes tut. Denn es gibt aus uni­ver­sel­ler Sicht kein gut und schlecht, es gibt nur Zu­sam­men­wir­ken von Kräften. Jede Kraft ist stark oder schwach, irgendein Punkt auf einer Skala.

Wenn du zum Beispiel gegen eine Wand schlägst, aber ganz leicht, dann wirst du selber keinen Schmerz spüren, aber schlägst du mit deiner ganzen Kraft, wirst du dir mög­li­cher­wei­se deine Knöchel brechen. Die Kraft, die du der Wand ent­ge­gen­ge­bracht hast, hast du in gleicher Weise wieder zu­rück­be­kom­men. Das ist Newtons drittes Be­we­gungs­ge­setz, Kraft gleich Ge­gen­kraft und ist eine Form von Karma, nämlich die Form der phy­si­ka­li­schen Kraft. Niemand hat da gemessen und geurteilt, mit welcher Kraft du gegen die Wand ge­schla­gen hast und es hat auch niemand versucht ein Gleich­ge­wicht des Leids her­zu­stel­len. Wenn man richtig und falsch danach aus­rich­ten würde, wieviel Leid eine Aktion her­vor­bringt (wie es Moral neigt zu tun), dann würde es dir nie wehtun, egal wie doll du gegen die Wand schlägst, da die Wand nicht in der Lage ist Schmerz zu spüren. Es findet hier ein Un­gleich­ge­wicht des Leids statt, daher kann es nicht der Dreh- und An­gel­punkt von Karma sein, das ja be­kann­ter­ma­ßen Gleich­ge­wicht her­stel­len will.

In­di­vi­du­ell vs. Allgemein

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass es kein all­ge­mei­nes gut und schlecht gibt, nur ein in­di­vi­du­el­les. Es gibt nichts, was für alle gut oder schlecht ist. Wenn es einen Gewinner gibt, gibt es immer einen Verlierer. Gibt es einen Verlierer, gewinnt ein anderer. Jede Situation erzeugt komplett ver­schie­de­ne in­di­vi­du­el­le Wertungen, rein objektiv aber, aus der Per­spek­ti­ve eines uni­ver­sa­les Prinzips wie Karma, hat keine der Seiten mehr Gewicht, das Ge­sche­he­ne ist wertfrei.

Jeder von uns hat bestimmt schon mal eine Do­ku­men­ta­ti­on über wilde Tiere in der Savanne gesehen. Ein bekanntes Motiv dabei ist der Löwe, der eine Antilope jagt. In­stink­tiv hoffen viele viel­leicht, dass die Antilope entkommt, weil in dieser Situation sie das Opfer ist und der Löwe der Fress­feind, der die Jagd überhaupt an­ge­fan­gen hat. Aber die kühle Tatsache ist, dass nicht alles gut gehen wird, wenn die Antilope entkommt, sondern dass der Löwe ver­hun­gern wird. So oder so wird einer von ihnen verlieren und wer verliert, ist für die beiden Be­tei­lig­ten relevant, aber nicht für das Universum.
Richtig ist, was natürlich ist. Wäre die Antilope entkommen, wäre es richtig; hätte der Löwe sie gepackt, wäre es genauso richtig. Wäre die Antilope entkommen und auch die nächste und die nächste und erst die danach hätte der Löwe erwischt, wären alle vier Fälle richtig.

Wir mögen jetzt denken, dass wir keine Tiere in der Savanne sind, sondern zi­vi­li­ser­te Menschen in ge­ord­ne­ten Ge­sell­schaf­ten und dieses Prinzip nicht für uns gilt, aber man sollte nicht vergessen, wie diese Gesetze, die diese Ge­sell­schaft in Ordnung halten, durch­ge­setzt werden. Mit der rohen Kraft, mit der De­mons­tra­ti­on der Über­le­gen­heit. Wenn du versuchst gegen den Staat auf­zu­be­geh­ren, wirst du ganz schnell spüren, dass wir keine zi­vi­li­sier­ten Menschen sind, die dieses Prinzip über­wun­den haben. Zi­vi­li­siert ist sowieso ein anderes Wort für do­mes­ti­ziert. Der zi­vi­li­sier­te Mensch ist ein Hund, der vergessen hat, dass er ein Wolf ist. Und wo ein Hund ist, ist ein Herrchen.