Sogenannte Nerds

21.02.2021

Wenn man etwas in die Ver­gan­gen­heit guckt, dann waren Nerds Leute, die sich in der Tiefe mit spe­zi­el­len In­ter­es­sen befasst haben und in­fol­ge­des­sen Dinge pro­du­zie­ren konnten, zu denen andere Menschen nicht in der Lage waren. Nerd sein hat bedeutet, kreativ und produktiv zu sein. Das typische Bild eines Nerds, das lange Zeit durch die Medien geprägt wurde, hat ihren Ursprung bei einer Gruppe von Com­pu­ter­en­thu­si­as­ten um die 70er und 80er Jahre, auf die genau diese Be­schrei­bung zutrifft.

Heu­te­zu­ta­ge wird der Begriff deutlich liberaler ein­ge­setzt. "Nerd" heißt nur noch, dass jemand die Ent­wick­lung einer Sache verfolgt. Man kann Technik-Nerd sein, man kann Fashion-Nerd sein, man kann Film-Nerd sein – egal um was für ein Interesse es dabei geht, solange man sie verfolgt und sich damit auskennt, ist man ein Nerd. Es hat im Vergleich zu der vor­he­ri­gen Bedeutung des Begriffes eine Ver­schie­bung von "Produzent" zu "Konsument" gegeben.

So gibt es eine ganze Armee von Leuten, die man in Kom­men­tar­be­rei­chen zu Reviews eines neuen Smart­pho­nes findet, die sich bestens mit den Spe­zi­fi­ka­tio­nen und den Ent­wick­lun­gen zum vor­he­ri­gen Modellen auskennen, die aber nicht mal die simpelste "Hallo Welt"-App dafür schreiben könnten. Die ihr Interesse nur als Medium des Konsums ansehen und sich sogar mit be­stimm­ten Marken und Modellen iden­ti­fi­zie­ren, sodass sie sie in ewig langen Dis­kus­sio­nen ver­tei­di­gen.

War man vorher ein Film-Nerd, hat es viel­leicht bedeutet, dass man sich mit dem Fil­me­ma­chen auskennt und selber schon min­des­tens Kurzfilme oder zumindest un­ter­halt­sa­me Videos gedreht hat. Dass man Filme anderer Leute und von of­fi­zi­el­len Studios dazu genutzt hat, von ihnen zu lernen. Heut­zu­ta­ge heißt es aus­schließ­lich, dass man möglichst viele Filme anschaut, die andere Leute gedreht haben und sich dabei zu merken, welcher Schau­spie­ler wo mit­ge­spielt und welcher Regisseur wo mit­ge­wirkt hat.

Dass sich der Begriff Nerd gewandelt hat und nun nur noch ein Synonym für Konsument ist, ist natürlich nicht die Ursache ir­gend­ei­nes Problems, sondern es ist das Symptom des all­ge­mei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wandels hin zur Zen­tra­li­sie­rung durch Abs­trak­ti­on. So gut wie alle In­ter­es­sen- und Wis­sens­be­rei­che haben heut­zu­ta­ge eine deutlich größere Ein­stiegs­hür­de als damals. Alles ist so abs­tra­hiert, dass eine ernst­haf­te Mit­wir­kung in dem Bereich sehr viel Zeit­in­ves­ti­ti­on bedeutet. Zeit, die die meisten nicht haben. Ob es Schrauben am eigenen Auto ist, das bei modernen Autos deutlich erschwert wird oder die Tatsache, dass Menschen früher in vielen Wis­sen­schafts­be­rei­chen in ihrem Leben arbeiten konnten, während sie sich heut­zu­ta­ge auf den Spe­zi­al­ge­biet eines Spe­zi­al­ge­biets fo­kus­sie­ren. Das ganze System ist darum designed, dass jeder Bereich nur in den Händen weniger Player liegt, während der Rest nur kon­su­mie­ren muss.