Sozialleistungen als Maß fürs Verhältnis von Staat zur Natur

07.09.2020

Die Dis­kus­si­on darüber, ob ein Staat So­zi­al­leis­tun­gen anbieten sollte und wieviel und welchen Gruppen usw., wird dominiert von po­li­ti­schen In­ter­es­sen. Logisch könnte man meinen, ist ja schließ­lich auch ein po­li­ti­sches Thema. Das ist aber zu kurz gegriffen, denn die wahre Dis­kus­si­on sollte auf einer anderen Ebene statt­fin­den.

Wenn jemand in einer Position ist, in der er nicht arbeiten kann, sind die meisten sich einig, dass man ihn we­nigs­tens zu einem gewissen Maße un­ter­stüt­zen sollte. Viel weniger Ver­ständ­nis haben sie aber, wenn jemand nicht arbeiten will. Das Problem ist aber, dass das "nicht wollen" in der Realität einfach ein "nicht können" ist. Denn "nicht können" heißt nicht nur, dass man aufgrund kör­per­li­cher oder geistiger Krankheit dazu nicht in der Lage ist, sondern dass man von seinem Wesen nach dazu nicht be­schaf­fen ist.

Was heißt das? Es heißt, dass wir die meiste Zeit der Ent­wick­lungs­ge­schich­te unser Essen bekommen haben, indem wir jagen gegangen sind. Es war eine direkte Tätigkeit. Essen jagen oder sammeln → Essen essen. Nicht ir­gend­ei­ner Sur­ro­gat­be­schäf­ti­gung nachgehen, kleine recht­ecki­ge Papiere dafür bekommen, mit diesen Papieren Gebäude mit lauter bereits ab­ge­pack­ter Le­bens­mit­tel und anderer Menschen, die ebenfalls Sur­ro­gat­be­schäf­ti­gun­gen nachgehen, betreten, dort die Papiere mit dem Essen tauschen → Essen essen. Die erste Variante der Es­sens­be­schaf­fung ist daher immer noch tief in uns verankert, bei einigen scheinbar mehr als bei anderen.

Diese ganzen Mit­tel­män­ner­ele­men­te, die zwischen uns und unserem Essen stehen und das ganze System drumherum, das notwendig ist, um diese Elemente zu in­stal­lie­ren, sind extrem künstlich und für die meisten immer noch un­in­tui­tiv, selbst wenn sie es nicht bewusst merken. Es gibt einfach Menschen, die können sich in so einem System nicht in­te­grie­ren. Andere wiederum können es, tun es aber sehr ungern und es macht ihnen keinen Spaß. Alles in allem wird das den Menschen auf­ge­zwun­gen.

Auf­ge­zwun­gen, weil man tat­säch­lich keine andere Wahl hat. Wäre das ganze optional, wäre es nicht so schlimm, denn dann könnten die Sys­tem­lin­ge am System teil­neh­men und Menschen, die sich damit nicht iden­ti­fi­zie­ren könnten, würden ihr Essen einfach selber jagen gehen – ohne Geld, Banken, Arbeit, die Industrie usw. zu brauchen. Aber der Staat will genau das nicht, er macht es so schwer wie möglich diesen Weg zu gehen und legt diesen Menschen so viele Steine in den Weg, wie es nur geht: Waf­fen­schein, Jagd­schein, Grund­stücks­recht, Tier­rech­te etc. Die Hürde ist so hoch, dass die meisten nicht drü­ber­sprin­gen werden.

Wenn dann der Staat ihnen nicht eine helfende Hand aus­streckt und sie nicht we­nigs­tens aus seinen eigenen künst­li­chen Zitzen saugen lässt, ist es dun­kels­ter Zynismus. Denn das würde bedeuten, dass den Menschen erst die grund­le­gends­ten Frei­hei­ten genommen werden, selbst die Ur­tä­tig­keit, die den Menschen überhaupt zum Menschen gemacht hat, die den freien Mann und die freie Frau von in un­sicht­ba­re Ketten gelegten Sys­tem­skla­ven un­ter­schei­det, sie in ar­ti­fi­zi­el­len, von ihrer Natur ge­trenn­ten Struk­tu­ren gepackt hat und dann die­je­ni­gen, die ver­ständ­li­cher­wei­se in diesen Struk­tu­ren nicht bestehen, weil sie einfach nicht dafür gemacht wurden, unter dem Gewicht des Staa­te­s­ap­pa­rats zermalmt hat.

Wenn ich Leute sehe, die viele Jahre ar­beits­los sind und am Exis­tenz­mi­ni­mum leben oder noch schlimmer Ob­dach­lo­se draußen, die irgendwo am Stra­ßen­rand liegen oder von Passanten zu Passanten gehen, mit einigen dreckigen Lumpen am Leib, und um eine kleine Spende betteln, muss ich oft genau daran denken. Was würden diese Menschen machen, wenn sie nicht in diesem System gefangen wären? Wo wären sie jetzt, in welchem Zustand, wenn von ihnen nicht verlangt worden wäre, dass sie in Struk­tu­ren bestehen sollen, für die ihr Wesen ganz of­fen­sicht­lich nicht ausgelegt ist? Richtig, die würden nicht andere Menschen um Papier anbetteln, das hier die einzige Mög­lich­keit ist, an Essen zu kommen, sondern sie würden es einfach und direkt selbst be­schaf­fen gehen.

Staaten, die ein gewisses Auf­fang­netz für Menschen haben, die gnadenlos durch dieses System rasseln, haben glaub ich immer noch ein Sinn für die Natur und für unseren Ursprung. Der Staat ist sich dann selbst gewahr; er weiß, dass er un­na­tür­lich ist und daher viele abhängen wird und findet so Wege die Ab­ge­häng­ten mit­zu­zie­hen. Das tut er natürlich nicht, weil er ein so großes Herz hat, sondern aus prä­ven­ti­vem Selbst­schutz heraus. Denn werden zu viele Elemente in ihm abgehängt, könnte das die eigene Le­gi­ti­ma­ti­on gefährden.

Staaten aber, die die Verlierer ausbluten lassen, trotz dessen dass es auf lange Sicht ihnen selbst schaden könnten, haben eine gewisse Blindheit. In der Hybris und der Selbst­über­zeu­gung ihrer eigenen Struktruren gegenüber, halten sie sich der Natur so sehr überlegen, dass diese noch nicht mal mehr in ihren Denken ein­be­zo­gen werden. Daher denke ich, dass So­zi­al­leis­tun­gen ein guter Be­zugs­punkt sind, wenn es darum geht die Psyche eines Staates besser zu verstehen und das Ver­hält­nis, inwieweit er die Natur noch als ernst­zu­neh­men­de Instanz wahrnimmt.