Über Moral und Freiheit

21.06.2021

Ich hatte mich neulich mit jemanden über das Thema Moral und darüber was richtig und falsch ist un­ter­hal­ten. Die Person war der Ansicht, dass es auf jeden Fall eine uni­ver­sa­le Moral gäbe und gut und böse objektiv be­stimm­bar wären. Dass wir Schuld und Reue fühlen können und dass das ein ein­deu­ti­ges Indiz dafür wäre, was falsch ist. Dass wir als Menschen uns von Tieren in dem Punkt der Moral un­ter­schei­den, denn wir haben ein Be­wusst­sein, das uns verrät, was gut und böse ist.

Wenn dem so ist, heißt es nicht, dass gut und böse in unserem eigenen Be­wusst­sein entsteht? Wenn es Tiere gibt, die ihr eigenes Junges essen, wir es aber nicht tun, weil wir es für un­mo­ra­lisch halten, bedeutet es dann nicht einfach, dass diese Wertung der Moral nur in unserem Kopf existiert? Es ist eine einfache Be­ob­ach­tung: Jedes Lebewesen – ein­schließ­lich Menschen – mit einem anderen Be­wusst­sein tut als un­mo­ra­lisch be­zeich­ne­te Dinge ohne jegliche Reue. Welches Fundament hat dann gut und böse? Denn wir würden nicht einen Löwen als böse be­zeich­nen, der eine Gazelle tötet und isst, da er nicht einmal dieses Konzept von böse verstehen kann. Das macht "Uni­ver­sa­le Moral" au­to­ma­tisch zu einem Oxymoron.

Die Ver­wir­rung wird aber noch größer. Denn ich habe fest­ge­stellt, dass Menschen gut und böse, richtig und falsch und moralisch und un­mo­ra­lisch alles synonym verwenden. Und dass sie dich als Mo­ral­re­la­ti­vis­ten be­zeich­nen, wenn du nicht glaubst, dass Moral real ist. Dass sie denken, du glaubst, es gäbe kein richtig, weil du sagst, dass es kein gut gibt.

Das sind aber alles ver­schie­de­ne Begriffe. Natürlich gibt es ein richtig, richtig ist was natürlich ist. Ein richtig kann nicht in men­schen­ge­mach­ter Moral fußen, sondern nur in der Natur. Der einzige Grund, wieso 2 + 2 = 4 richtig ist, ist die Tatsache, dass wir es be­ob­ach­ten können. Nimmst du zwei beliebige Objekte und stellst zwei weitere Objekte dazu, erhältst du vier Objekte – was es für Objekte sind und wie oft man das macht, spielt keine Rolle, du wirst immer die gleiche Be­ob­ach­tung machen. Arith­me­tik ist nur die abs­trak­tes­te Form dies dar­zu­stel­len; sie ist eine Sprache, die kürzeste, prä­zi­ses­te und abs­trak­tes­te Sprache, um eine men­gen­ba­sier­te Be­ob­ach­tun­gen zu be­schrei­ben. Die Gleichung ist also richtig, weil sie natürlich ist.

Lasse ich ein Objekt von einer Höhe los, wird es zu Boden fallen, ganz egal, was es für ein Objekt ist und wo und wie oft ich es tue, das Resultat wird immer das gleiche sein. Demnach ist eine Kraft, die dieses Objekt nach unten zieht nur die logische Kon­se­quenz dieser Be­ob­ach­tung. Schwer­kraft ist richtig, weil sie natürlich ist. Natürlich ist, was du in der Natur be­ob­ach­ten kannst.

Jetzt kommen einige Menschen und behaupten, es wäre falsch einem anderen Lebewesen zu schaden. Manche sagen nicht falsch, sondern un­mo­ra­lisch oder böse (die sind ehrlich), aber einige werden sich noch nicht einmal auf Moral stützen, sondern auf "Na­tur­recht". Für sie geht es gegen das Recht der Natur anderen Wesen zu schaden. Was ist denn Na­tur­recht anderes, als das was du in der Natur be­ob­ach­ten kannst; also das Prinzip, wonach sie funk­tio­niert? Schaust du in die Natur, kannst du gar nicht übersehen, wie falsch diese Be­haup­tung ist. Es ist sogar sehr un­wahr­schein­lich, dass es überhaupt ir­gend­et­was gäbe, wenn das tat­säch­lich ein Na­tur­recht wäre.

Konflikt in der Natur
Das Gesetz der Natur

Die Natur ist reine Barbarei, sie ist überleben oder sterben, do­mi­nie­ren oder sich beugen, fressen oder gefressen werden. Das ist das einzige, was man be­ob­ach­ten kann und es macht auch bei Menschen nicht Halt, denn es existiert auf jeder Ebene und wir sind Teil dieses Prinzips. Wir wären nicht einmal hier, hätten wir nicht andere Tiere und Menschen gejagt und dominiert. Eine will­kür­li­che Grenze zu ziehen und zu sagen, es ist okay, dass man Tiere tötet, aber bei Menschen sollte man es nicht tun, ist nur eine im Sand gezogene Linie – eine Linie, die Menschen mit schwach­sin­ni­gen Ansichten wie Veganer als Anlass nehmen, diese falsche Be­haup­tung zu ihrer logischen Schluss­fol­ge­rung zu führen.

In­dok­tri­na­ti­on

Es wurde als Argument vor­ge­bracht, dass die meisten Menschen es als falsch erachten würden eine alte Frau aus­zu­rau­ben. Wie kann es also keine objektive Moral geben, wenn dieses Gefühl in einem sitzt? Dieses Gefühl ist aber nicht angeboren, sondern anerzogen. Sie ist Teil der So­zia­li­sa­ti­on, die uns allen auferlegt wird. Das sehen wir gut daran, dass es tat­säch­lich Leute gibt, die alte Menschen für ihren eigenen Profit ausnehmen. Sie tun es ja nicht, weil sie es als falsch erachten, denn niemand möchte mit dem Gedanken ins Bett gehen, dass man heute wieder ein besonders böser Mensch war.

Diese Menschen sind aber krank? Es sind So­zio­pa­then? Das ist nur geistige Faulheit. Mo­ra­li­sche Richt­li­ni­en auf­zu­stel­len und jeden als krank zu be­zeich­nen, der nicht nach ihnen handelt, ist eine billige Ar­gu­men­ta­ti­on. Demnach wären alle Nationen krank, die Dinge erlauben, die bei uns verboten sind. Demnach wären auch unsere eigenen Vorfahren krank, die andere Vor­stel­lun­gen und Praktiken hatten. Jeder, der sich auch nur ein bisschen mit Ge­schich­te befasst oder mit Menschen, die außerhalb von Zi­vi­li­sa­tio­nen geboren und auf­ge­wach­sen sind, wird schnell begreifen, dass das meiste, was bei uns Schuld­ge­füh­le erzeugt und für uns selbst­ver­ständ­lich ist, das Resultat von In­dok­tri­na­ti­on ist.

Was ist richtig?

Dass gut und schlecht subjektiv sind, bedeutet aber nicht, dass es keine ob­jek­ti­ven und uni­ver­sa­len Prin­zi­pi­en in der Natur gibt. Es gibt eine Sache, die alle Menschen und Tiere und Pflanzen und alles auf der Welt verbindet – der Wille zur Selbst­er­hal­tung, der Wille zum Leben, der Wille zur Selbst­ent­fal­tung. Diese drei Dinge sind Ma­ni­fes­ta­tio­nen des selben. Und sie zeigen sich in allem was wir tun.

Im Zentrum dieses Prinzips steht das Selbst. Die na­tür­lichs­te Aufgabe jedes Lebens ist dieses Selbst zum Ausdruck zu bringen und zu entfalten. Das Selbst muss auf­recht­erhal­ten werden und sich aus­brei­ten, möglichst auf vielen Ebenen. Wir wissen aber, dass wir eines Tages sterben werden; das heißt, ganz egal, was wir tun, wir können nichts dagegen un­ter­neh­men, dass die Selbst­er­hal­tung ir­gend­wann stoppen wird. Doch wir haben die Fähigkeit uns zu vermehren und so unsere Gen­in­for­ma­tio­nen wei­ter­zu­ge­ben und auf diese Weise lange über unseren Tod hinaus weiter zu bestehen. Die Selbst­er­hal­tung also indirekt fort­zu­füh­ren. Nichts anderes ist Ver­meh­rung, sie ist die Ent­fal­tung und Auf­recht­erhal­tung des Selbst … eine Ein­rich­tung der Natur, damit dieses Prinzip den Tod über­win­den kann.

Auch Kom­mu­ni­ka­ti­on ist eine Ma­ni­fes­ta­ti­on der Selbst­ent­fal­tung. Du teilst deine Gedanken – die Gedanken des Selbst – mit anderen Menschen und ver­brei­test sie von deinem Gehirn in andere Gehirne. Wenn jemand deine Meinung übernimmt, schaffst du es auch auf diese Weise in anderen Menschen fort­zu­be­stehen. Große Denker und Wis­sen­schaft­ler, die mit ihren Schriften Menschen vieler Jahr­hun­der­te lang be­ein­flusst haben, werden deswegen nicht umsonst un­sterb­lich genannt.

Selbst­ver­tei­di­gung – die Ver­tei­di­gung des Selbst, also die Erhaltung des Selbst – ist eine weitere Ma­ni­fes­ta­ti­on dieses Prinzips. Jede Moral, jede Lehre, die entgegen die Selbst­er­hal­tung geht, kann als un­na­tür­lich und falsch abgetan werden. Mo­ra­li­sche Leitsätze wie "Liebe deine Feinde" sind im höchsten Grade un­na­tür­lich, denn deine Feinde sind die­je­ni­gen, die dich zur Strecke bringen wollen, also das Selbst entweder einengen oder komplett aus­lö­schen wollen. Alles andere als "Vernichte deine Feinde" geht gegen das Interesse des Selbst und ist demnach wider der Natur.

Es gibt also ein richtig, richtig ist in deinem eigenen Interesse zu handeln. In deinem eigenen Interesse handelt bedeutet dich selbst zu entfalten. Doch mit Selbst ist nicht nur unbedingt das eigene In­di­vi­du­um gemeint. Denn deine Familie und deine Freunde gehören ebenfalls zu dir, sie sind Teil von dir. Natürlich ist, sich für sie so ein­zu­set­zen wie für dich selbst; nicht nur, weil du sie aus rein prak­ti­schen Gründen brauchst – in der Natur ist es ein To­des­ur­teil keinerlei Un­ter­stüt­zung zu haben – sondern auch, weil das Wohl­erge­hen von Menschen, die man liebt, das eigene Wohl­erge­hen be­ein­flus­sen wird. Du kannst nicht glücklich sein, wenn es deinen Liebsten miserabel geht und sich nicht darum zu kümmern, dass es ihnen besser gehen wird, bedeutet gegen dein eigenes Interesse zu handeln und ist demnach un­na­tür­lich bzw. falsch.

Der Staat ist eine Maske

Künstliche Nahrung vs. natürliche
Unsere na­tür­li­che Ernährung

Doch warum rede ich über Natur? Was haben wir zi­vi­li­sier­ten Menschen in künst­li­chen Städten und Ge­sell­schaf­ten mit der Natur zu tun? Würden wir in der Wildnis leben, träfen diese Gesetze auf uns zu, aber wir leben unter unseren eigenen Gesetzen, also sind die wichtiger als alles, was als "natürlich" be­zeich­net wird, oder? Das dem nicht so ist, kann ganz einfach anhand des Beispiels der Ernährung ver­an­schau­licht werden. Unsere Körper, wie sie heute sind, sind das Produkt der Natur, d.h. ganz egal, was wir heute für Nahrung künstlich her­stel­len, sie wird immer min­der­wer­ti­ger sein, als die Nahrung, die die Natur für uns vor­ge­se­hen hat. Es ist egal, wo wir leben oder ob wir unsere eigenen Er­fin­dun­gen als besser und pro­fi­ta­bler für unsere eigenen künst­li­chen Systeme (wie der Wirt­schaft) erachten, das Ver­dau­ungs­sys­tem wird sich dem nicht anpassen und immer noch nach den Regeln der Natur wei­ter­ar­bei­ten.

Wenn wir uns so sehr von men­schen­ge­mach­ten Lehren und Struk­tu­ren blenden lassen, werden wir vergessen, dass nicht wir die Regeln bestimmen, sondern die Natur. Diese zu igno­rie­ren bedeutet nicht sie zu über­win­den, sondern nur, den Tatsachen nicht ins Auge zu blicken. Wir werden weiterhin den Kon­se­quen­zen aus­ge­setzt sein, nur werden wir jetzt nicht mehr wissen warum.

Der Staat ist eine Maske
Der Staat als Maske

Den Staat – mit Staat ist dieses künst­li­che, men­schen­ge­mach­te System gemeint – kann man als eine Maske be­trach­ten. Wann immer wir der Realität ins Gesicht schauen, um die Welt zu verstehen, sehen wir nicht die Welt selbst (also die Natur) sondern nur den Staat. Wir sehen eine Maske, die Menschen her­ge­stellt und sie der Natur auf­ge­setzt haben. Diese Maske wird einen gewissen Einfluss auf uns haben, denn ihr Ge­sichts­aus­druck oder was auf ihr steht, hat eine Wirkung. Doch wenn Menschen A darauf ge­schrie­ben haben, aber was die Natur befiehlt B ist, dann wird sie, wenn wir das ge­schrie­be­ne A dem na­tür­li­chen B vorziehen, nichts dagegen tun können, dass wir die negativen Kon­se­quen­zen davon spüren werden, denn die Hände, die uns am Ende erdolchen werden, immer noch die der Natur sind. Wenn wir nicht rea­li­sie­ren, dass das Gesicht, in das wir schauen, nicht wirklich das echte Gesicht des Wesens ist, das vor uns steht, wird es auf den Lauf der Dinge keinen Einfluss haben, es wird uns aber außen vor lassen. Alles wird geschehen wie von dem Wesen hinter der Maske vor­ge­se­hen, aber wir werden es nicht verstehen und glauben, dass auf der Welt ständig falsche und un­ge­rech­te Dinge passieren.

Die Metapher der Maske ist aber nur ein­ge­schränkt gültig, denn in Wirk­lich­keit ist es nicht nur eine schlichte Maske, sondern sie hat auch die besondere Fähigkeit die Hand­lun­gen des Wesens dahinter zu si­mu­lie­ren. Das heißt, sie hat die Fä­hig­kei­ten das auf ihr ge­schrie­be­ne in Hand­lun­gen um­zu­wan­deln und diese Hand­lun­gen dann als die Hand­lun­gen des Wesens zu verkaufen. Sie schafft es, die Menschen zu über­zeu­gen, dass ihre eigenen Be­we­gun­gen mit den Be­we­gun­gen der Natur über­ein­stim­men.

Jeder, der nicht rea­li­siert, wie falsch das ist, tappt in eine Falle und wird an den Folgen davon leiden. Es ist eine allseits bekannte Tatsache, dass jede men­schen­ge­mach­te Nahrung und Medizin, ganz egal als wie gesund sie pro­pa­giert wird, Ne­ben­wir­kun­gen hat, an denen du leiden wirst und die dich krank machen, doch kaum einer bedenkt, dass es nicht nur auf die physische Zufuhr in unseren Körper zutrifft, sondern auch auf die geistige.

Wenn du nicht nach na­tür­li­chen Prin­zi­pi­en lebst, sondern nach men­schen­ge­mach­ten, dann wirst du darunter leiden. Es wird dich krank machen. Wenn du bei­spiels­wei­se glaubst, dass "Auge um Auge, Zahn um Zahn" ein falscher Leitsatz ist und am Ende die ganze Welt blind machen wird, dann wirst du an den Hand­lun­gen, die als Folge aus diesem Glau­bens­satz her­vor­ge­hen, zu Grunde gehen. Denn "Auge um Auge, Zahn um Zahn" ist das Gesetz der Natur. Keine Phi­lo­so­phie, die jemals von Menschen erdacht wurde, wird etwas daran ändern können. Nach den Regeln der Menschen zu leben, bedeutet un­na­tür­lich zu leben. Un­na­tür­lich zu leben, bedeutet falsch zu leben. Falsch zu leben bedeutet zu leiden.

Richtig im Sinne des Staates

Diese Fähigkeit der Maske, die ich oben an­ge­spro­chen habe, ihre eigenen Hand­lun­gen als die der Natur zu verkaufen, drücken sich z.B. darin aus, dass sie neue De­fi­ni­tio­nen für richtig und falsch aufstellt. Bedeuten richtig und falsch in der Natur natürlich und un­na­tür­lich, so bedeuten sie für die Maske ge­setz­lich und un­ge­setz­lich, legal und illegal, sittlich und un­sitt­lich.

Dabei bedient sich der Staat der Religion oder der Mo­ral­phi­lo­so­phie, um die Gesetze den Menschen zu verkaufen. Ein wichtiger Faktor ist nämlich, dass die Leute auf­rich­tig davon überzeugt sind, dass Gesetz und Sitt­lich­keit richtig sind. Dass es böse oder schlecht ist gegen das Gesetz zu verstoßen oder un­sitt­lich zu handeln. Dadurch werden die meisten davon ab­ge­hal­ten es zu tun. Die wenigen, die sich davon nicht be­ein­flus­sen lassen, werden mit dem Knüppel be­ar­bei­tet und ihnen wird die Freiheit entzogen. Das sind die beiden Säulen eines Staates: Ge­hirn­wä­sche und Strafe.

Rechte

Man darf nicht vergessen, dass wenn der Staat keine Gewalt hätte, sein Gesetz durch­zu­set­zen, es auch keine Gül­tig­keit hätte. Dass die Gül­tig­keit nur dadurch fest­ge­legt wird, dass der Staat mit der Polizei und seinen Streit­kräf­ten un­ver­hält­nis­mä­ßig viel mehr physische Kraft besitzt als jeder einzelne Mensch oder einzelne Gruppe. Wenn der Staat dich nicht zwingen könnte dich daran zu halten, wäre das Gesetz nichts weiter als paar Wörter auf dem Papier – ge­schrie­ben von ir­gend­wel­chen Menschen, die du nicht kennst und die dich nicht kennen, völlig un­ver­bind­lich.

Auf der einen Seite das Recht, auf der anderen die Gewalt
Recht und Gewalt

Wie oft sind wir bei­spiels­wei­se schon über eine rote Ampel gelaufen, ohne dass etwas passiert ist? Wir würden es nicht tun, wenn auf der anderen Stra­ßen­sei­te einige Po­li­zei­be­am­ten stehen würden. Nur wenn sie dich dabei sehen, können sie zu dir kommen und das Gesetz durch­set­zen. Falsch macht eine Handlung also nur, wenn da jemand ist, der es als falsch veruteilt. Und dieses Urteil hat auch nur dann eine Aus­wir­kung auf mich, wenn derjenige, von dem es kommt, mir überlegen ist.

Aber das Gesetz ist nicht nur da, um dich ein­zu­schrän­ken, sondern es gibt dir auch Rechte? Das ist ein weiteres großes Irrtum. Die Rechte hast du nicht, es ist nur eine Illusion. Sie werden dir unter Be­din­gun­gen gegeben, einfach geborgt. Anders geht es auch gar nicht, denn zu glauben, dass du Rechte hast, die du dir nicht selber genommen hast, würde gegen jegliche Logik verstoßen.

Du musst es so sehen: Wenn deine Eltern dich zwei Tage nach deiner Geburt getötet hätten, würden sie dafür eine Strafe kriegen? Selbst­ver­ständ­lich, denn sie haben gegen dein Recht auf Leben verstoßen. Aber wer hat dir dieses Recht gegeben? Du bist noch ein Baby, du verstehst noch nicht einmal, was das heißt. Der Staat hat es dir gegeben. Das heißt, zum Zeitpunkt deiner Geburt wurdest du direkt an Verträge gekoppelt, an Verträge, die es schon lange vor dir gab und von anderen Menschen be­schlos­sen und un­ter­schrie­ben wurden. Sie werden dir aber nicht gegeben zu deinem Nutzen, sondern um sie als Druck­mit­tel zu benutzen. Denn in Wahrheit sieht die Situation so aus: "Hier sind Rechte, die ich dir gebe, aber du darfst sie nur unter einer Bedingung behalten: Du musst dich an ein Katalog voller Regeln halten, die ich bestimmt habe. Wenn du gegen eines davon verstößt, nehme ich es mir raus, eines oder mehrerer der Rechte wieder weg­zu­neh­men. Ich kann es tun, da sie dir nich gehören und ich sie dir nur aus­ge­lie­hen habe."

Das ist das Fundament von Recht und Gesetz. Recht wird als Ultimatum ein­ge­setzt, um Gesetz durch­zu­set­zen. Jedes Recht, auch das in­di­vi­du­el­le, existiert nur, weil es dem Staat nützt. Dass es auch gut für den Einzelnen ist, ist nur ein positiver Ne­ben­ef­fekt und in­ter­es­siert den Staat im Grunde gar nicht.

Das ist so, als ob du mich besuchen kommst und ich gebe dir ein Glas Wasser. Das Glas gehört dir nur in dem Zeitraum deines Auf­ent­hal­tes. Wenn wir bei­spiels­wei­se in einen Streit geraten, kann ich dir das Glas wegnehmen und dich aus meinem Haus werfen. Zu behaupten, dass es dein Glas wäre, wäre an deiner Stelle völlig absurd. Rechte sind nichts weiter als an Be­din­gun­gen ge­kop­pel­te Leihgaben.

Wenn du gegen ein Gesetz verstößt und man dich in ein Gefängnis wirft, wird da auf dein Recht auf Freiheit Rücksicht genommen? Wenn du öf­fent­lich auf­be­gehrst und mehrere Po­li­zei­be­am­ten zu dir stürmen, dich zu Boden drücken, noch ein paar mal nach­tre­ten, deine Hände hinter den Rücken ziehen und Hand­schel­len anlegen, am besten ganz fest, sodass sogar ein paar Tage danach noch rote Spuren an den Hand­ge­len­ken zu sehen sind, wird da auf dein Recht auf kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit Rücksicht genommen? Wenn sie dich danach nach oben ziehen und dich mit nach unten ge­drück­tem Kopf vor den Augen anderer abführen, wird darauf Rücksicht genommen, dass die Würde des Menschen un­an­tast­bar ist? Natürlich nicht, denn all das sind nur Trug­bil­der. Dinge, die dir gegeben wurden und deswegen auch jederzeit wieder genommen werden können.

Freiheit

Der Staat kann dir Rechte geben und auch wieder nehmen, weil er die Macht dazu hat. Macht bedeutet Stärke. Wenn du ein Ver­bre­chen begehst, aber es so gut machst, dass du niemals erwischt wirst, wirst du auch niemals zur Re­chen­schaft gezogen. Das Gesetz kann in diesem Fall nicht durch­ge­setzt werden. Oder wenn du erwischt wirst, aber einen Weg findest alle Beweise zu ver­nich­ten, inklusive der Be­sei­ti­gung aller Zeugen und Löschen aller Daten aus dem System der Justiz, wirst du nicht bestraft werden können, solange sie dir nichts nach­wei­sen können. Die Strafe, die dir vor­ge­se­hen ist, wenn du ein Gesetz mi­sach­test, wirkt sich also nur insoweit auf dein Leben aus, wie die Exekutive Macht über dich hat.

Wenn du bei­spiels­wei­se jemanden getötet hast und die Polizei anrückt, um dich zu verhaften und du gerade zu Hause mit einigen Freunden sitzt – alle bewaffnet – und ihr euch alle gegen die Ver­haf­tung wehrt, indem es zu einer Schie­ße­rei kommt und die Polizei sich kurz zu­rück­zieht, um Ver­stär­ke­rung zu rufen, bist du in dem Moment immer noch ein freier Mann, weil sie das Gesetz nicht durch­set­zen konnten. Nehmen wir an, sie kommen mit einer Spe­zi­al­ein­heit, aber du gehörst ebenfalls einer or­ga­ni­sier­ten Guerilla an (deren Waffen den Waffen der staat­li­chen Streit­kräf­te in nichts nach­ste­hen) und jedes Mal, wenn sie kommen, um dich zu verhaften, steht ihr bereit und wehrt euch dagegen. Ihr geht sogar so pro­fes­sio­nell vor, dass ihr hoch­ran­gi­ge Politiker entführt und sie als Druck­mit­tel benutzt, um mit der Regierung zu ver­han­deln. Wenn ihr es wirklich gut anstellt und auch einen Funken Glück habt, werdet ihr es schaffen, noch lange in Freiheit zu bleiben.

Gesetze sind nicht in Stein gemeißelt. Sie sind nur bindend für den Schwachen. Deswegen ist es im größten Interesse des Staates, dass der Einzelne schwach ist. Das bedeutet ei­ner­seits mentale Schwäche, d.h. dass er an Moral und Sitt­lich­keit glaubt und an­de­rer­seits physische Schwäche, d.h. dass er möglichst nicht in optimaler kör­per­li­cher Ver­fas­sung ist und auch möglichst wenige Waffen hat. Besonders schwere Geschütze verbietet jeder Staat den Einzelnen und enthält sie nur sich selbst vor, aber viele Staaten gehen auch so weit, alle Waffen zu verbieten. Je un­be­waff­ne­ter eine Be­völ­ke­rung ist, desto ver­sklav­ter ist sie, denn umso mehr ist sie dem Staat aus­ge­lie­fert.

Nehmen wir an, du bist im Urlaub und gehst in den Bergen spazieren, weit weg von der Zi­vi­li­sa­ti­on. Plötzlich wirst du von einigen be­waff­ne­ten Männern umzingelt, die dich gefangen nehmen und dich an einen anderen Ort bringen. Dort sagen sie dir, dass du jetzt ihr Eigentum bist und machen musst, was sie dir sagen. Sie haben eine ganze Liste von Regeln, die du zu befolgen hast und wenn du dich daran hältst, gewähren sie dir einige Frei­hei­ten. Verstößt du aber gegen eine von ihnen, können sie dir einige der Frei­hei­ten wieder wegnehmen. Wie würdest du dich in dem Moment fühlen? Wie ein Sklave?


Bürger ist ein Eu­phe­mis­mus für Sklave. Ein Bürger ist ein Sklave. Nein, ich kor­ri­gie­re, ein Bürger ist ein Sklave, der nicht weiß, dass er ein Sklave ist. Zum vor­he­ri­gen Beispiel un­ter­schei­det sich die Lage eines normalen Menschen im Staat darin, dass er sich seiner Lage nicht gewahr ist. Während ein klas­si­cher Sklave weiß, welche Rolle er erfüllt und auch seinen Halter kennt, herrscht beim Bürger völlige Blindheit darüber. Während ein klas­si­cher Sklave jederzeit po­ten­ti­ell auf­be­geh­ren oder flüchten könnte, braucht man sich beim Bürger darum keine Sorgen zu machen. So gesehen ist der Bürger der perfekte Sklave und der Staat der perfekte Skla­ven­hal­ter.

Iro­ni­scher­wei­se sind alle Kräfte, die den Menschen dabei abhalten seine Freiheit vom Staat zu erlangen, ebenfalls Sklaven. Alle Po­li­zis­ten und alle Richter, all die Henker, sind Bürger. Sie sind so hoff­nungs­los im perfekt gewobenen Spin­nen­netz des Staates gefangen, dass sie glauben, sie tun gerade etwas nobles. Sie glauben, sie un­ter­drü­cken die Kri­mi­nel­len, dabei kämpfen sie nur an der Seite ihres eigenen Skla­ven­hal­ters.

Sie alle wurden geboren und direkt an Kne­bel­ver­trä­ge gebunden. Sie laufen ihr ganzes Leben lang mit Fuß­fes­seln herum. Aber das zu rea­li­sie­ren ist einer der größten geistigen Hürden und den meisten wird das niemals gelingen. Wenn man es aber rea­li­siert, wandelt man sich in dem Moment von einem Bürger in einen Sklaven. Die Hier­ar­chie sieht fol­gen­der­ma­ßen aus: Bürger -> Sklave -> Freier Mensch. Es ist fraglich, welcher Sprung wohl der größere ist; mög­li­cher­wei­se der erste.

Wenn sich jemand in dem Zustand des Bürgers befindet, kann er keinen un­ab­hän­gi­gen Gedanken fassen. Alles was er macht, wird im Einklang mit dem Staat sein. Wenn ein Jour­na­list z.B. ein Bürger ist, löst sich der Begriff "Pres­se­frei­heit" in Luft auf, da alles, was er schreibt, pro Staat sein wird. Seine Worte können nicht frei sein; wie denn, wenn er selbst nicht frei ist?

Welch ein Seufzen nach Freiheit der Presse! Wovon soll die Presse denn befreit werden? Doch wohl von einer Ab­hän­gig­keit, An­ge­hö­rig­keit und Dienst­bar­keit! Davon aber sich zu befreien, ist eben die Sache eines Jeden, und es ist mit Si­cher­heit an­zu­neh­men, daß wenn Du Dich aus der Dienst­bar­keit erlöst hast, auch das, was Du ver­fas­sest und schreibst, Dir eigen gehören werde, statt im Dienste irgend einer Macht gedacht und auf­ge­setzt worden zu sein. Was kann ein Christ­gläu­bi­ger sagen und drucken lassen, das freier wäre von jener Christ­gläu­big­keit, als er selbst es ist?
– Max Stirner

Leute sehen es als eine kon­tro­ver­se Aussage an, wenn man die Öf­fent­lich Recht­li­chen als Staats­pres­se be­zeich­net. Doch nicht nur sie sind Staats­pres­se, sondern jegliche Presse. Solange die Presse von Ge­set­zes­gläu­bi­gen gemacht wird, wird sie niemals frei vom Staat sein. Alles was sie druckt und sendet, wird das Produkt von Knecht­schaft sein – und zwar von perfekter Knecht­schaft.

Generell gilt, was aus dem Kopf eines Bürgers kommt, hat keinen Wert. Denn um Wert zu haben, müsste es auf der Wahrheit fußen, doch schon der Zustand eines Bürgers fußt auf Irrtum. Alles edle und noble wird von Sklaven fa­bri­ziert, die für ihre Freiheit kämpfen oder von freien Menschen, die ihre Freiheit auf­recht­erhal­ten. Der erste Schritt aus der Knecht­schaft besteht darin, zu rea­li­sie­ren, dass man ein Sklave ist. Wenn das vollzogen ist, fällt jeder Stein an seinen Platz, alles was geschieht wird Sinn ergeben und das eigene Denken wird auf eine Weise geschärft, wie man es bis dahin nicht geahnt hätte. Diese geistige Freiheit ist eine süße Kost für die physische Freiheit.