Unter Beobachtung

11.11.2020

Funk­tio­nie­ren­de Nach­rich­ten­diens­te und Über­wa­chung der Bürger ist ein wichtiger Arm des Gesetzes. Menschen verhalten sich immer ge­sit­te­ter, wenn sie wissen, dass sie be­ob­ach­tet werden. Doch nicht nur die Ge­wiss­heit über Be­ob­ach­tung lässt einen sich anders verhalten, sondern auch die po­ten­ti­el­le Be­ob­ach­tung. Dome-Kameras funk­tio­nie­ren deshalb so gut, weil man nie sicher sein kann, wohin sie gerade aus­ge­rich­tet sind. Es besteht immer die Chance, dass man gerade nicht im Sichtfeld ist, aber man weiß es nicht, also macht es in der Realität keinen Un­ter­schied, ob man gefilmt wird oder nicht, man verhält sich immer so, als ob man es wird.

Besonders in Bereichen, die sich mehr der Kontrolle entziehen, wie dem Internet, ist es Staaten wichtig bei den Bürgern den Eindruck zu erwecken, als ob sie bei jedem Klick getrackt werden. Als ob Ge­heim­diens­te alle mit­ein­an­der vernetzt sind und tech­no­lo­gisch dem Rest der Welt min­des­tens 10-20 Jahre voraus sind und schon jetzt in der Lage sind Ver­schlüs­se­lungs­ver­fah­ren zu knacken, die heute noch als bom­ben­si­cher gelten. Es wird nach Außen der Eindruck ver­mit­telt, als ob Leaks von Whist­leb­lo­wern, die alle paar Jahre Schlag­zei­len machen, ruf­schä­di­gend wären, aber in Wirk­lich­keit spielt einem das natürlich in die Karten. Denn es bedeutet für alle: Passt auf Leute, wir sehen alles!

Da wir als Menschen soziale Wesen sind, sind zwei Augen, die auf uns gerichtet sind, ein wichtiger Faktor, der uns in unserem Verhalten be­ein­flusst. Das funk­tio­niert selbst dann, wenn wir ganz sicher wissen, dass es keine echten Augen sind. De­mons­triert wurde das einmal in einem Ex­pe­ri­ment[1], in dem in einer Büroküche, in der die Mit­ar­bei­ter immer ihren Kaffee nehmen und auf Ver­trau­ens­ba­sis das Geld in eine Box werfen konnten, ein Bild mit zwei Augen auf­ge­fängt wurde, in die man zwangs­läu­fig gucken musste, wenn man vor der Box stand. An anderen Tagen war irgend ein Bild von Blumen dort. Das Ergebnis war wie folgt:

We examined the effect of an image of a pair of eyes on con­tri­bu­ti­ons to an honesty box used to collect money for drinks in a uni­ver­si­ty coffee room. People paid nearly three times as much for their drinks when eyes were displayed rather than a control image. This finding provides the first evidence from a na­tu­ra­listic setting of the im­por­t­an­ce of cues of being watched, and hence re­pu­ta­tio­nal concerns, on human coope­ra­ti­ve behaviour. Augen erhöhen die Kooperation

Rein technisch kann man natürlich nicht jeden einzelnen Menschen rund um die Uhr über­wa­chen, aber es wäre nicht so klug vom Staats­ap­pa­rat nicht we­nigs­tens so zu tun, als ob sie es könnten. Deswegen würde es mich wirklich nicht wundern, wenn dieser Effekt aus­ge­nutzt wird und viele der Meldungen in den Medien über Mas­sen­über­wa­chung gezielt ver­brei­tet werden, so dass sich ja niemand un­be­ob­ach­tet und sicher fühlt.


  1. Bateson M, Nettle D, Roberts Gilbert. Cues of being watched enhance coope­ra­ti­on in a real-world setting. Biol Lett. 2006 Sep 22; 2(3): 412–414. [PMC free article]