Verzicht vs. Ersatz

07.02.2021

Die Goldene Regel der Mechanik lernt jedes Kind im Phy­sik­un­ter­richt: wenn man einen kürzeren Weg nehmen will, muss man mehr Kraft auf­brin­gen; will man weniger Kraft einsetzen, muss man einen längeren Weg nehmen – in jedem Fall bleibt die Arbeit die gleiche. Das hat mir damals gelehrt, dass es keine Ab­kür­zun­gen im Leben gibt und es gleich phy­si­ka­lisch bewiesen.

Seitdem sehe ich jedes Problem und jede Lösung durch die Linse der goldenen Regel. Immer wenn ich eine su­per­in­no­va­ti­ve Idee sehe, die alles bisher da­ge­we­se­ne toppt, weißt ich, dass an ir­gend­ei­nem anderen Ende gespart wurde, sodass das Ge­samt­re­sul­tat – wenn es eine Formel gäbe, die alle Variablen be­rück­sich­tigt – das gleiche ist. Es gibt keine Medizin ohne Ne­ben­wir­kun­gen.

Und obwohl das so selbst­ver­ständ­lich ist, wird es von den meisten Leuten bei Dis­kus­sio­nen kaum beachtet. Wenn es bei­spiels­wei­se um die Kli­ma­er­wär­mung und den Umstieg auf er­neu­er­ba­re Energien geht, sehe ich die Ver­fech­ter fast nie sagen, dass es keine magischen Wun­der­mit­tel sind, sondern ihre ganz eigenen Nachteile mit sich bringen, sodass das Ge­samt­re­sul­tat das gleiche bleibt. Genauso auch mit Elek­tro­au­tos.

Niemand würde sagen, dass der Umstieg von Zi­ga­ret­ten auf E-Zi­ga­ret­ten besser ist, als ganz damit auf­zu­hö­ren. Und auch wenn der komplette Verzicht in dem Moment viel­leicht un­rea­lis­tisch ist, würde man we­nigs­tens erwähnen, dass es zumindest Ursache des Problems ist und solange diese Ursache da ist, wird jeder Ersatz andere Nachteile mit sich bringen, die genauso un­er­wünscht sind.

Es gibt Versuche einzelner auf gewisse Dinge zu ver­zich­ten, wie z.B. den Flug­ver­kehr und auch Verbote oder zumindest Re­gu­la­tio­nen in der Richtung an­zu­stren­gen. Das Problem dabei ist aber, dass das nur Symptome sind. Flugzeuge sind nicht das Problem, sondern die in­dus­tri­el­le Ge­sell­schaft, zu der Flugzeuge zwangs­läu­fig da­zu­ge­hö­ren. Selbst wenn man alle Flüge generell verbieten würde und kein einziges Flugzeug mehr abheben darf, wäre das nicht von langer Dauer.

Man muss sich jedes System wie ein Puzzle vor­stel­len und jedes Puz­zle­stück ist ein Element, das dieses System bildet. Zu einer in­dus­tri­el­len Ge­sell­schaft gehören Flugzeuge dazu. Würde man dieses einzelne Stück raus­neh­men, aber das Bild als solches lassen, würden sich sehr viele Menschen darüber empören und alle Kraft aufwenden, um es wieder rück­gän­gig zu machen. Man kann es auch niemanden verübeln, denn wieso sollten sie in einem un­voll­stän­di­gen Bild leben wollen? In einem System mit Löchern? Und diese Ge­gen­be­we­gung würde so laut sein und so lange gehen, bis das Puz­zle­stück wieder an seinem Platz und das Bild voll­stän­dig ist.

Aber was ist das für ein Bild? Wer bestimmt, was darauf ab­ge­bil­det ist? Kein einzelner bestimmt es, es wird fest­ge­legt von Re­vo­lu­tio­nen – und ich meine damit um­wäl­zen­de Ent­wick­lun­gen und nicht um­stür­zen­de po­li­ti­sche Be­we­gun­gen, die an Utopien glauben. Ent­wick­lun­gen wie die land­wirt­schaft­li­che oder in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on. Oder auch die Glo­ba­li­sie­rung, die ein Kind der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on ist und in dessen Bild wir aktuell leben. Jeder Versuch die Ne­ben­wir­kun­gen dieses Bildes zu bekämpfen, ohne zu versuchen das Bild als ganzes zu wechseln, ist nur heiße Luft und wird lang­fris­tig nir­gend­wo­hin führen. Das ist eine wis­sen­schaft­li­che Tatsache.