Virtue signalling vs. Sinn

20.12.2020

So wie "Virtue si­gnal­ling" heut­zu­ta­ge verwendet wird, kommt meiner Meinung nach zu kurz, denn er wird nur noch ein­ge­setzt, um po­li­ti­sche Gegner zu dis­kre­di­tie­ren. Dabei ist dieses Phänomen viel tief­grei­fen­der und fußt auf dem grund­sätz­li­chen Problem von rea­li­täts­fer­ner Moral.

Rea­li­täts­fer­ne Moral

Als ich jünger war, hab ich oft von Mit­schü­lern die Feen-Frage gehört: "Kommt eine Fee zu dir und sagt dir, du hast drei Wünsche frei. Was wünschst du dir?" Viele Leute haben daraufhin etwas wie "Welt­frie­den" o.ä. ge­ant­wor­tet. Was keinen wirk­li­chen Sinn ergab, denn man ist sich ja nicht darüber im Klaren, auf welche Weise die Fee den Wunsch umsetzt. Sie könnte allen Menschen den freien Willen nehmen. Oder sie könnte alle Menschen in Käfige sperren, sodass sie gar keine Kriege mehr anfangen können. Was auch immer dabei raus­kom­men würde, man könnte nicht alles behalten, was wir jetzt haben, aber nur Kriege und Leid aus der Welt entfernen. Darüber hat sich aber nie jemand Gedanken gemacht, es ging nur darum, anderen zu zeigen, dass man ja für das schein­ba­re all­ge­mei­ne Gut ist; um Logik und Rea­li­täts­be­zug ging es dabei nie. Auch wenn das in dem Fall nur ein Kin­der­spiel ist, beruht fast die gesamte Moral der Ge­sell­schaft auf Idealen, statt auf der Realität.

Idea­lis­mus

An­ge­fan­gen schon bei der Goldenen Regel, dass man andere so behandeln soll, wie man selbst behandelt werden will, die auf dem Papier nach einem guten Ideal klingt, aber in der Realität keinen Bestand hat. Würde man sich daran halten, so dürfte man noch nicht einmal schlecht über jemanden reden oder auch nur denken, da man das auch für sich selbst nicht will. Abgesehen davon, dass es selbst­süch­tig wäre nur von sich aus­zu­ge­hen und seine eigene Person auf die ganze Welt zu pro­je­zie­ren, obwohl jeder Mensch anders ist und man jedem in­di­vi­du­ell begegnen sollte. Es gibt Menschen, die anders behandelt werden wollen oder auch sollten.

Auch die Vor­stel­lung der Gleich­heit aller Menschen ist ein re­li­giö­ses Konzept, das es in unsere Ge­setz­ge­bung geschafft hat und so all­ge­gen­wär­tig ist, sodass viele Leute so davon überzeugt sind, dass alle Menschen gleich vor dem Gesetz sind, obwohl alles in der Wirk­lich­keit dagegen spricht. Die einzige Gleich­heit, die je ge­herrscht hat, war in den Worten, die einige Juristen und Di­plo­ma­ten, die längst unter der Erde liegen, zu Papier gebracht haben. Denn nicht nur gibt es keine Gleich­heit vor dem Gesetz, es gibt auch keine Gleich­heit irgendwo in ir­gend­ei­nem Kontext. Es gibt keinen einzigen Menschen, für den zwei andere Menschen gleich sind. Wir behandeln jeden anders, mögen oder hassen jeden anders und für uns ist auch jeder anders viel wert. Und obwohl das die Realität ist, die man lebt, scheint man sie einfach zu igno­rie­ren, solange man ir­gend­wel­che Sprich­wör­ter aus­spre­chen kann, die außerhalb von Büchern nur Fantasie sind – und es scheint kaum jemand zu bemerken oder es wird da keine Ver­bin­dung her­ge­stellt.

Je länger man darüber nachdenkt, desto mehr stellt man fest, dass am System teil­neh­men es heißt, gewisse Lügen einfach als gegeben hin­zu­neh­men. Dass Protest gegen die Politik bedeutet, auf eine Demo zu gehen, mit dem Grund­ge­setz her­um­zu­we­deln und auf einem Trans­pa­rent fordern, dass die De­mo­kra­tie gerettet werden sollte. So als hätte De­mo­kra­tie jemals etwas mit der Realität zu tun gehabt und nicht nur einfach ein weiteres Ideal wäre. So als ob Einfluss und Macht ein Recht ist, das dir ein anderer Mensch geben kann und nicht etwas, was du selbst erlangen musst. So als wären die Politiker, bei denen du dein Kreuz machst, das wahre System und nicht einfach das fleisch­ge­wor­de­ne Ideal auf dem Papier und als wären Lob­by­is­ten und der Einfluss der Wirt­schaft das Übel des Systems und nicht das wahre System selbst.

Virtue si­gnal­ling bedeutet, dass die Ignoranz auf­recht­erhal­ten wird. Es ist ein Werkzeug des Systems, um Menschen davon ab­zu­len­ken, was vor ihren Augen geschieht. Es legt ihnen Bücher vor, so dass sie in diesen Idealen darin leben und diese ver­tei­di­gen, ohne jemals ab­zu­glei­chen, ob sie Sinn ergeben oder es jemals ergaben. Und solange sie darin vertieft sind, was jemand einmal zu Papier gebracht hat, werden sie nicht davon auf­schau­en und in die wahre Welt blicken.