Von unten nach oben

02.07.2022

In den letzten Jahren hörte ich häufiger, dass wenn man er­folg­reich im Leben ist, es ein­drucks­vol­ler ist, wenn man von unten kommt. Dass es die eigenen Leis­tun­gen trübt, wenn jemand einer wohl­ha­ben­den Familie ent­springt. Dabei kommt diese Pro­po­si­ti­on oft von Mo­ti­va­ti­ons­red­nern und Er­folgschoachs; es ist also nicht klar, ob die es wirklich glauben oder es nur der Bau­ern­fän­ge­rei dient, weil sie wissen, dass die eigene Ziel­grup­pe vor­wie­gend aus be­schei­de­nen Ver­hält­nis­sen kommt.

Was auch immer der Fall sein mag, das Konzept, dass aus dem Nichts zu kommen besser ist als das Kind von reichen und mächtigen Eltern zu sein, ist eine relativ neue Idee und hängt ver­mut­lich zusammen mit dem American Dream.

Be­trach­ten wir uns einen der wahr­schein­lich er­folg­reichs­ten, wenn nicht den er­folg­reichs­ten Menschen der Ge­schich­te, Alexander den Großen. Er kam als Sohn eines mächtigen Königs auf die Welt und war zu­sätz­lich Schüler von Aris­to­te­les, den größten Phi­lo­so­phen seiner Zeit. Eine pri­vi­li­gier­te­re Kin­der­stu­be kann man wohl kaum haben. Wenn man nun Alexander begegnet, während er gerade Anfang 30 ist und die gesamte bekannte Welt erobert hat, würde man es dann weniger ein­drucks­voll finden, bloß weil er unter den besten Umständen groß­ge­wor­den ist? Nein, ganz im Gegenteil. Man würde sogar noch mehr Respekt davor haben, denn sein Erfolg ist fast schon schick­sal­haft. Es ist, als wären die Götter auf seiner Seite gewesen und als wäre er dazu bestimmt das zu sein, was er schließ­lich geworden ist.

Nun, gibt es Menschen, die sehr großen Erfolg in ihrem Leben hatten, viel­leicht sogar in dem gleichen Bereich wie Alexander, die aber von unten kamen? Ganz bestimmt. Man sollte aber niemals vergessen, dass niemand die Welt neu erfindet und dass bereits vor ihrer Geburt der Kuchen schon unter vielen Parteien auf­ge­teilt war. Jemand, der von unten nach oben geht, der tut es mit der Gunst von diesen pri­vi­li­gier­ten Menschen. Ihnen wird sozusagen erlaubt Erfolg zu haben, weil im Gegenzug auch diese mächtigen Familien davon pro­fi­tie­ren.

Das kann man sich analog vor­stel­len wie eine Social Media-Seite, auf der jemand ein Profil erstellt. Die Seite an sich wird von komplett anderen Menschen ad­mi­nis­triert und die Nutzer haben keinerlei Kontrolle darüber und werden sozusagen nur geduldet, weil sie Traffic und damit Profit für die Betreiber her­ein­brin­gen. Die Äste, auf denen die Nutzer sitzen, können aber jederzeit abgesägt werden, wenn es den Besitzern der Plattform nicht mehr passt.

Die Klasse, aus der man ent­springt, wird niemals nicht wichtig sein. Die eigene Familie und das eigene Blut wird niemals nicht wichtig sein. Die Welt ändert sich nicht auf magische Weise, bloß weil sich das po­li­ti­sche oder öko­no­mi­sche System ändert. Die Familie und die Kaste war wichtig seit Beginn der ersten Zi­vi­li­sa­ti­on und wird es bleiben bis die letzte Zi­vi­li­sa­ti­on untergeht. Der Aufstieg der Familie in eine neue Klasse ist möglich, jedoch ist es keine Aufgabe einer einzigen Le­bens­zeit, sondern von mehreren Ge­nera­tio­nen. Das ist, was Pablo Escobar meinte, als er sagte: "Ich bin kein reicher Mann, ich bin ein armer Mann mit Geld."