Wie Leute diskutieren

13.09.2021

Mir ist auf­ge­fal­len, dass die Art wie ich dis­ku­tie­re sich von der Art un­ter­schei­det, wie die meisten anderen Menschen dis­ku­tie­ren. Es ist ei­gent­lich recht of­fen­sicht­lich, ich weiß nicht, wieso mir das nicht vorher schon auf­ge­fal­len ist. Oder anders gesagt, es ist mir viel­leicht auf­ge­fal­len, ich habe aber nie wirklich bewusst darüber nach­ge­dacht und die Situation klar in Worte gefasst.

Wenn jemand eine Aussage macht, der ich nicht zustimme, dann neige ich dazu zu bohren: ich stelle Fragen, ich stelle (pro­vo­ka­ti­ve) Ge­gen­the­sen auf etc., um mehr Hin­ter­grün­de her­aus­zu­lo­cken. Das tue ich nicht bewusst, aber ich entdecke direkt die Lücken in der Ar­gu­men­ta­ti­on und gehe nach diesen Lücken. Ich möchte wissen, wieso derjenige zu dieser Meinung gelangt ist, wieso er das glaubt und nicht etwas anderes. Meine Art zu dis­ku­tie­ren dreht sich darum der Sache auf den Grund zu gehen.

Mache ich eine Aussage, der eine andere Person nicht zustimmt, sagt sie nur "Das stimmt nicht, das ist so und so...". Die Aussage an sich wird einfach verworfen und die eigene Meinung wird dem ge­gen­über­ge­stellt. So als ob ich die Position nicht bereits kannte; nicht nur wird diese Aussage nicht wirklich begründet, sondern es wird auch so getan, als ob das Gegenüber eine Sache grundlos glauben würde. Als ob ich meine Meinung nicht gründlich durch­dacht hätte.

Deutlich wird das vor allem, wenn man in seiner Aussage bewusst einen Teil des Arguments weglässt. Sage ich z.B. 80% der Aussage und lasse 20% weg, sodass er unmöglich verstehen kann, was ich genau meine, ohne eine Ge­gen­fra­ge zu stellen und die rest­li­chen 20% zu erfahren, macht es keinen Un­ter­schied im Verhalten der meisten – sie nehmen einfach an, was du meinen könntest und wi­der­spre­chen direkt. Oft stellt es sich auch im Nach­hin­ein heraus, dass sie etwas anderes an­ge­nom­men haben, als du ei­gent­lich meintest.

Dieses Verhalten ist so absurd, es macht das Lernen von anderen Menschen unmöglich. Die Leute sollten lernen ihre Klappe zu halten und andere reden zu lassen. Es mag sein, dass du am Ende doch nichts daraus lernen kannst, aber du ver­schließt dich den po­ten­ti­el­len Momenten, in denen genau das passieren könnte.

Wie hirnlos diese Art zu dis­ku­tie­ren ist wird sogar noch mehr un­ter­stri­chen, wenn man zwei Menschen be­trach­tet, die die gleiche Meinung hatten, aber der eine die Meinung im Laufe der Zeit geändert hat. Derjenige, der die Meinung behalten hat, wird dem anderen einfach wi­der­spre­chen und dem seine Position ge­gen­über­stel­len, so als ob der andere genau das nicht früher auch gedacht hätte. Er hat sie ja ganz bewusst geändert. Das wichtige ist also nicht, was er glaubt, sondern wieso er es glaubt. Die Gedanken dahinter sind wichtig, der Prozess, den er durch­ge­macht hat. Selbst wenn sich die beiden davor nicht kannten, kann man davon ausgehen, dass jede Meinung, die entweder extrem ist oder dem Konsens wi­der­spricht, mit der Zeit erlangt wurde. Die meisten leben aber so ge­dan­ken­los und passiv, dass sie das nicht mal bedenken, wenn sie mit jemanden dis­ku­tie­ren, der eine von der All­ge­mein­heit ab­wei­chen­de Meinung hat. Sie denken tat­säch­lich, sie erzählen einem etwas neues, wenn sie einem ihre Main­stream-Meinung um die die Ohren hauen.

Das zeigt noch einmal deutlich wie droh­nen­haft viele Menschen sind. Der Grund, wieso mir das vorher nicht bewusst auf­ge­fal­len ist, mag tat­säch­lich daran liegen, dass das ist, was ich um mich herum gesehen habe, seit ich denken kann. Es war so selbst­ver­ständ­lich mein ganzes Leben lang dieses Verhalten zu sehen, dass ich nie darauf kam, das mit Abstand zu be­trach­ten.