Wie man zu der Masse spricht

31.07.2022

Leute in Macht­po­si­tio­nen und öf­fent­li­che Au­to­ri­tä­ten haben eine Regel bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on zu der Masse: Bestätige sie! Es geht nicht darum richtig zu liegen oder Sinn zu ergeben; das einzige, was man tun muss ist, die all­ge­mei­ne Geis­tes­hal­tung der Öf­fent­lich­keit auf­zu­fan­gen und es an sie zu­rük­zu­wer­fen. Um einige Beispiele an­zu­füh­ren:

Während der Corona-Krise gab es viele Leute, die die Masken-Pflicht in ge­schlos­se­nen Räumen be­für­wor­tet haben. Zu Gegnern der Maßnahmen sagten sie, dass ja nichts dabei sei, eine Maske an­zu­zuzie­hen, während man einen Su­per­markt betritt, denn immerhin müssten sie auch Kleidung tragen und könnten nicht einfach nackt her­um­lau­fen. Dass eine breite Öf­fent­lich­keit so dachte war klar, so dass dann Bill Gates bei der Munich Security Con­fe­rence 2022 genau dieses Argument wie­der­hol­te: wozu sich über Masken be­schwe­ren, wenn es auch normal sei, Hosen zu tragen? Wo soll da der Un­ter­schied sein? Wo der Un­ter­schied ist könnte man ganz einfach mit der Ge­gen­fra­ge be­ant­wor­ten: Wieso sitzt du da auf der Bühne mit Hose, aber ohne Maske?

Doch es muss nicht logisch sein, es muss auch keiner kri­ti­schen Analyse stand­hal­ten, es muss lediglich Menschen in dem be­stä­ti­gen, was sie bereits denken.

Genauso wie Arnold Schwar­zen­eg­ger in 2021 sagte, dass wenn es um das Thema Bizeps ginge, er der Experte darin wäre, da er sich sein ganzes Leben damit befasst hätte und daher man auf ihn höre müsse; so müsse man auch auf Experten wie Fauci hören, die sich genauso lange mit dem Thema Viren befasst hätten – wenn sie sagen, dass man Masken tragen, Abstand halten und sich impfen müsse, dann wäre es komplett hirn­ris­sig da­ge­gen­zu­spre­chen, immerhin sind es ja die Experten!

Bevor ich das aus seinem Mund gehört hatte, hatte ich es schon sehr oft von anderen Menschen gehört und es war klar, dass in der Be­völ­ke­rung generell die Emp­fin­dung dieser Au­to­ri­täts­höh­rig­keit herrschte. Natürlich lässt sich dieses Argument sehr leicht aus­ein­an­der­neh­men, aber Logik ist für die meisten Menschen nicht einmal an­satz­wei­se so mächtig wie das Gefühl, dass man richtig lag und eine Person von Autorität sie bestätigt.

Wieviele Veganer fühlten sich nicht bestätigt, als sie sich die Do­ku­men­ta­ti­on ansahen, die pflan­zen­ba­sier­te Er­näh­run­gen bewarb, in denen auch wieder Arnold Schwar­zen­eg­ger auftrat und den Leuten versuchte zu verkaufen, dass Ve­ga­nis­mus besser für Athleten sei als Fleisch? Dass der Grund, warum er auf dem Höhepunkt seiner Bo­dy­buil­ding-Karriere haupt­säch­lich tierische Produkte kon­su­mier­te, der war, dass Steaks das Image von Männ­lich­keit hatten und das zum Sport des Bo­dy­buil­dings passte? Komplett hirn­ris­sig und eine of­fen­sicht­li­che Lüge. Aber die Masse hat keinen ra­tio­na­len Verstand, nur einen emo­tio­na­len.

Dass man sich zu jemanden verbunden fühlt, der die Welt genauso sieht man selbst, ist natürlich mensch­lich. Ich möchte nicht leugnen, dass es sich gut anfühlt, bestätigt zu werden. Jedoch sehe ich selten jemanden, der wirklich so denkt wie ich, aber nicht we­nigs­tens eine eigene Note in seiner Ar­gu­men­ta­ti­on hat. Dadurch, dass er ein eigener Mensch mit seinen eigenen in­di­vi­du­el­len Er­fah­run­gen ist, steht er nicht auf dem exakt gleichen Punkt im vier­di­men­sio­na­lem Raum-Zeit-Ko­or­di­na­ten­sys­tem wie ich und kann etwas zu der Sicht­wei­se beitragen, die ich noch nicht kannte. Wenn man jedoch ein Argument genauso wie­der­holt, wie es bereits im kol­lek­ti­ven Be­wusst­sein herrscht, bedeutet es, man hat es entweder kopflos über­nom­men hat oder man versucht die Massen zu ma­ni­pu­lie­ren.

"Wozu gegen Corona-Regeln sein, aber keine Problem damit haben an einer roten Ampel an­zu­hal­ten? Beides Regeln, an die man sich als Ge­sell­schaft zu halten hat." Auch das habe ich sehr oft gehört. Und kurz nachdem dieses dumme Argument im kol­lek­ti­ven Be­wusst­sein an­ge­kom­men war, konnte man es als Echo von Personen der Öf­fent­lich­keit und "Au­to­ri­tä­ten" hören.

Aber das ist natürlich nichts neues under der Sonne. Jeder Kandidat, der für ein öf­fent­li­ches Amt antritt, wusste schon immer, dass es das Klügste war, den Glauben und die Meinungen der Menschen, zu denen man spricht, zu spiegeln. Deswegen tritt nie ein un­gläu­bi­ger Kandidat in einem allgemein re­li­giö­sen Land an. Sind diese wirklich religiös? Diese Frage kann sich jeder selbst be­ant­wor­ten.